"Nicht mit dem Zeigefinger!"

16. Februar 2009, 17:36
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Marino Formenti, einer der bemerkenswertesten Interpreten zeitgenössischer Musik, stellt sein aktuelles Projekt "Kurtág's Ghosts" vor

Wien - "Es ist eigentlich kunstwidrig, wie wir Kunst verstehen", sagt Marino Formenti, der "Glenn Gould für das 21. Jahrhundert" , wie ihn die "Los Angeles Times" einmal nannte. Man setze sich ins Konzert und erwartete automatisch ein besonderes Erlebnis. "Unsere ästhetische Erfahrung ist oft eingeklemmt. Man sitzt neben jemandem mit billigem Parfüm - oder mit viel zu teurem - und bekommt portionsweise Musik serviert. Wie ein Batteriehund, der dann freudig mit dem Kopf wackelt und das Ganze auch noch schnell verdaut."

Im Grunde vermisse er im alltäglichen Konzertleben Bewegungsfreiheit und Spontaneität. Lieber ist es ihm da schon, Hauskonzerte "mit der Atmosphäre einer Schubertiade" für zwanzig Freunde zu geben, die "mit dem Weinglas in der Hand zuhören können und nicht den ganzen Abend an einem Platz sitzen bleiben müssen".

Diese andere Atmosphäre ist für den 43-Jährigen, der schon auf dem Badeschiff am Donaukanal spielte, zu Marathonkonzerten und Performances ins Konzerthaus lud und zeitgenössische Recitals zu Partys umfunktionierte, fast eine existenzielle Notwendigkeit: "Das Konzert ist oft zur reinen Gewohnheit deformiert. Daher die Idee, Formate zu verändern. Durch Programme, die länger dauern, kann man viel eher aus dem Alltag heraustreten."

So auch Formentis neuestes Programm "Kurtág's Ghosts" heute Abend im Wiener Konzerthaus: Ungewöhnlich ist schon der zeitliche Horizont, denn der Kosmos des Ungarn György Kurtág reicht von Machaut über Bach, Beethoven, Schubert, Schumann bis hin zu Boulez und Ligeti. "Es war mir ein Anliegen, das Programm so vielfältig wie möglich zu machen. Der Begriff Metakomposition ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber ich habe immer schon gerne in Zusammenhängen gedacht, die ich - ohne erhobenem Zeigefinger - bewusstmachen möchte."

Sich selbst sieht Formenti, trotz seiner engen Zusammenarbeit mit Komponisten wie Helmut Lachenmann, Salvatore Sciarrino oder Olga Neuwirth, nicht als "typischen Interpreten zeitgenössischer Musik" . Dafür sind seine musikalischen Vorlieben zu breit gestreut. Beim inzwischen eingestellten Festival "Hörgänge" konnte man vor einigen Jahren miterleben, wie der Pianist eine Messe des Renaissancekomponisten Josquin Desprez in einer glasklaren Transkription aufleuchten ließ; seine Liebe zu Kurt Weill dokumentierte er mit Bearbeitungen von Songs aus der "Dreigroschenoper", die bei der Universal Edition erschienen.

Formenti dirigierte auch die österreichische Erstaufführung von Weills Oper "Der Protagonist", nachdem er unter anderem als Assistent von Kent Nagano und Sylvain Cambreling an der Wiener Staatsoper, der Los Angeles Opera und der Opéra National de Paris arbeitete. Im Vorjahr folgte sein Debüt an der Accademia di Santa Cecilia in Rom auf Einladung Maurizio Pollinis, mit ihm wird er heuer an der Mailänder Scala und in der Citè de la Musique Paris auftreten.

Dem Wiener Publikum ist der gebürtige Italiener als langjähriges Ensemblemitglied des Klangforum Wien geläufig, das er nach 15 Jahren kürzlich - wenn auch wehmütig - verlassen hat. Verständlich, wenn man seine Pläne für die Zukunft hört: Bei der Preisverleihung des Belmont-Preises für zeitgenössische Musik, den Formenti im Juli erhält, wird er Uraufführungen von Beat Furrer und Bernhard Lang in Zusammenhang mit Musik von Joseph Haydn stellen, bei der Mozartwoche Salzburg Kurtág und Mozart kombinieren. (Daniel Ender, DER STANDARD/Printausgabe, 17.02.2009)

Konzerthaus, 17. 2., 19.30

 

  • Marino Formenti, der "Glenn Gould für das 21. Jahrhundert" , ist ein
Grenzgänger zwischen Stilen und Konzertformaten. "Kurtág's Ghosts" ist
als Doppel-CD bei Kairos erschienen.
    foto: christian fischer

    Marino Formenti, der "Glenn Gould für das 21. Jahrhundert" , ist ein Grenzgänger zwischen Stilen und Konzertformaten. "Kurtág's Ghosts" ist als Doppel-CD bei Kairos erschienen.

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