Tausendmal Theater, alphabetisch geordnet

16. Februar 2009, 17:31
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Yosi Wanunu und toxic dreams kommentieren die "Oxford Encyclopedia of Theatre" als Lecture Performance

Wien - Wer ist Ida Aalberg? Das muss man nicht wissen. Die finnische Schauspielerin hat aber dank ihres Nachnamens die Poleposition in der "Oxford Encyclopedia of Theatre and Performance". 300 Experten weltweit sorgen laufend für die Erweiterung dieses aktuellen "Gesamtwissens" über die Theaterkunst. Warum aber sucht man darin Theatermacher wie Tim Etchells und Forced Entertainment oder Wooster-Group-Mitbegründer Ron Vawter vergeblich?

Das hat sich Yosi Wanunu gefragt und die sich auf tausenden Seiten erstreckenden enzyklopädischen Einträge genau gelesen. Nun? Seine kommentierte Version präsentiert er in alphabetischer Reihenfolge ab heute, Dienstag (A-D), als Lecture Performance im brut im Konzerthaus.

Er folgt einer kritischen Perspektive, wie sie Michel Foucault mit dem einfachen Satz "Wer spricht?" in seiner "Archäologie des Wissens" auf den Punkt brachte. Das heißt, wer erklärt Wissen zu Wissen, und wie wird Wissen distribuiert?

Die Idee der Enzyklopädie und die ihr innewohnende Behauptung eines "Gesamtwissen" stammt aus dem 19. Jahrhundert. Und sie hat im Medienzeitalter durch scheinpartizipative Formen à la Wikipedia harte Konkurrenz bekommen. Umso naheliegender war es auch für Yosi Wanunu und die Gruppe "toxic dreams", dem kollektiven Kulturgut individuelle Information entgegenzusetzen.

Als Master of Ceremony dirigiert er durchs Alphabet, überspringt großzügig, schweigt zu Beckett ("Beckett ist momentan irrelevant") und fügt eigene Einträge hinzu. Die Darstellerinnen Anna Mendelssohn und Irene Coticchio machen die Differenz zwischen geschriebenem und performtem Inhalt anschaulich. Auch die kolonialistische Perspektive der Enzyklopädie ist Thema.

Was kann man noch ablesen? Wanunu: "Das Lexikon zeigt, wie groß die Autorität des Theatertextes im Gegensatz zur Performance behandelt wird. Und, dass Schauspiel mit Prostitution einherging." Deshalb auch der Titel des Abends: "Confessions of a Theatre Whore". (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 17.02.2009)

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    foto: brut
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