Bevor es ein Nest der Avantgarde wurde

16. Februar 2009, 17:23
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Die "Revolution im Stadtpark" fand zwar statt, aber anders als kolportiert: Eine unaufgeregte Ausstellung zum 50-Jahr-Jubiläum des Forum Stadtpark

Entlarvung der Gründungsmythen und Rehabilitierung von Alois Hergouth.

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Graz - Natürlich, im Prinzip stimmt die Geschichte: Im Sommer 1958 kam der Maler Günter Waldorf auf die Idee, das geschlossene Stadtpark-Café in einen Ausstellungsraum umzugestalten. Doch der Stadtsenat lehnte das Ansuchen vom 21. August 1958 ab - mit der Begründung, dass die von Waldorf geleitete Junge Gruppe keine Mittel für die Renovierung hätte. Gemeinsam mit dem Künstlerclub und dem Schriftstellerbund wurde daraufhin ein Aktionskomitee ins Leben gerufen. Man scheiterte aber erneut: Die Stadt beschloss am 11. Oktober, das Gebäude abzureißen.

In der Folge wurde ein von befreundeten Journalisten unterstützter Kulturkampf ausgerufen. Am 14. November hob die Stadt den Abbruchbescheid auf, am 15. Jänner 1959 kam es zur Gründung des Vereins Forum Stadtpark. Nun liefen Spendenaktionen an, der Architekt Werner Hollomey steuerte die Pläne bei, Künstler, darunter Standard-Kritiker Peter Vujica, schöpften selbst auf der Baustelle. Am 4. November 1960 konnte das Forum eröffnet, die erste Ausgabe der "manuskripte" verteilt werden.

Doch viele Fakten wurden in den letzten Jahrzehnten verschwiegen: weil sie nicht ins Bild vom Forum Stadtpark als Hort der Avantgarde passten. Die neue Mannschaft geht mit der Geschichte aber unbelastet um: Joachim Hainzl stellte anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums eine Ausstellung zusammen, die sich nicht so sehr auf Memorabilia, sondern auf Dokumente stützt.

Innigster Dank an Krainer

Anhand dieser wird der Mythos von der "Revolution im Stadtpark" ziemlich zerstört: Da Bürgermeister Eduard Speck, ein Sozialist, das Ansuchen abgelehnt hatte, wandten sich Waldorf und seine Mitstreiter an Josef Krainer, den mächtigen VP-Landeshauptmann. Wenig später, am 15. November 1958, sprach ihm die Aktionsgemeinschaft ihren "innigsten Dank" aus. Denn es dürfte vor allem Krainers Intervention gewesen sein, die im Stadtsenat zum Umdenken führte.

Da die Steiermark damals von einer äußerst restaurativen Kulturpolitik geprägt war, ließ sich das Projekt nur mit Opportunismus realisieren: Laut den Statuen - der Verein wurde im Hotel Erzherzog Johann gegründet - will das Forum Stadtpark helfen, "das geistige Vermächtnis Erzherzog Johanns zu wahren und neu zu erfüllen" . Mit diesem Zugeständnis an die Tradition konnten vom Land erhebliche Fördergelder lukriert werden - viele "heimattreue" Künstler (darunter Paula Grogger) unterstützten das Projekt. Krainer wurde zum Ehrenprotektor, VP-Kulturfunktionär Otto Hofmann-Wellenhof zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Die Ausstellung würdigt erstmals angemessen auch die Rolle des Lyrikers Alois Hergouth: Er war Waldorf-Weggefährte seit 1950 und setzte sich mit seinem Künstlerclub für die Errichtung des Forum Stadtpark ein. Es hieß eigentlich "Forum 9", denn von Hergouth stammt der interdisziplinäre Ansatz mit neun Referaten, der noch immer Gültigkeit hat.

Hergouth brachte auch die erste Nummer der "manuskripte" heraus. Doch schon bald zog er sich verbittert zurück. Die Jungen würden, sagte er, "in ein Nest einsteigen, das schon fertig gebaut ist, und dann alles ‚vollscheißen‘". Bekanntlich übernahm Alfred Kolleritsch die Herausgabe der Zeitschrift - und machte sie zum Organ der Avantgarde. Aber das ist eine andere Geschichte. (Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 17.02.2009)

Bis 22.2.

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    Gründungsväter des Forum Stadtpark: der Maler Günter Waldorf (li.) und der Lyriker Alois Hergouth (1925-2002).

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