Warum die Kärntner anders ticken

16. Februar 2009, 17:25
121 Postings

Über der Kärntner Landtagswahl schwebt ein toter Landesvater - Ein Gespräch mit dem Soziopsychologen Klaus Ottomeyer, der die kärntnerische Seele studiert

Über der Kärntner Landtagswahl am 1. März schwebt ein toter Landesvater. Mit dem Soziopsychologen Klaus Ottomeyer, der die kärntnerische Seele studiert, sprach Josef
Kirchengast.

Standard: Salopp gefragt: Ticken die Kärntner anders als der Rest Österreichs?

Ottomeyer: Salopp geantwortet: Ja.

Standard: Gibt es also so etwas wie eine nationale oder ethnische Gruppenpsyche – und wie äußert sie sich im Falle Kärntens?

Ottomeyer: Die gibt es. In Kärnten äußert sie sich zum Beispiel in traumatischen Erinnerungen, die herauswollen und gleichzeitig verdrängt und niedergehalten werden. Das liegt zwei, drei Generationen zurück und arbeitet in vielen Kärntner Familien. Das hat vor allem mit den Kämpfen im Zweiten Weltkrieg zu tun – Partisanenwiderstand, Verschleppungen, Verfolgungen, Ermordungen in slowenischen Familien, aber natürlich auch auf der sogenannten deutschen Seite.

Das ist unabgeschlossen und brodelt und wird immer wieder benutzt, damit dann irgendwelche Leute einen Schlussstrich ziehen können, damit es angeblich erledigt ist. Das ist eine Kärntner Spezialität.

Standard: Und weil es unabgeschlossen ist, kann es immer wieder politisch benutzt werden?

Ottomeyer: Ja. Dann kann man suggerieren, wie Haider das getan hat: Wenn man der endgültigen Lösung der Ortstafelfrage zustimmt – endgültige Lösung, das war seine Formulierung -, dann kehrt Frieden ein. Und gleichzeitig ist es sehr wichtig, die Erinnerung an die sogenannten Partisanengräuel aufrechtzuerhalten.

Dann kann man wieder Beruhigung stiften – ein Wechselspiel von Beruhigung und Beunruhigung um das Thema der schrecklichen Erinnerungen herum, die irgendwie künstlich wachgehalten werden. Ein amerikanischer Psychoanalytiker nennt das das „chosen trauma", also das ausgewählte Trauma, das dann noch künstlich gepflegt wird.

Standard: In Kärnten wäre das ...

Ottomeyer: ... die Partisanengräuel und noch weiter zurück natürlich die drohende Abtrennung Unterkärntens durch die Truppen des SHS-Staates (Staat der Serben, Kroaten und Slowenen nach dem Ersten Weltkrieg, Red.).

Standard: Wenn Sie vom selbstgewählten Trauma sprechen ...

Ottomeyer: Das ist nicht selbstgewählt, das wird von oben gewählt, da spielen die politischen Führer eine wichtige Rolle. Die wirklichen, biografisch komplizierten Erinnerungen, die biografischen Schmerzen werden nicht erzählt. Erzählt werden stilisierte Opfer- und Heldengeschichten, die mit den komplizierten Familienbelastungen eigentlich nichts zu tun haben, oder diese werden missbraucht.

Standard: Hat das auch damit zu tun, dass ja auch die meisten deutschsprachigen Kärntner slawisches Blut in ihren Adern haben und das sozusagen überkompensieren wollen?

Ottomeyer: Genau so ist es. Das ist die zweite Dauerverwirrung in der Kärntner Seele: dass es slawische, oder besser, slowenische Wurzeln gibt. Ich würde grob sagen, in der Hälfte der Kärntner Familien gibt es slowenische Großeltern oder Eltern oder einzelne Großeltern- oder Elternteile. Das arbeitet und macht Angst. Wer öffentlich Slowenisch sprach, wurde während der Nazizeit leicht deportiert. Das war also lebensgefährlich. Später war es karrieregefährdend, sich daran zu erinnern oder sich öffentlich dazu zu bekennen. Es wurde irgendwie verinnerlicht.

Diesen Verdrängungsprozess haben viele Leute auch wieder vergessen, und es fand, wie Sie richtig sagen, eine Überassimilation statt. Dahinter liegt eine Angst: Angst, ich könnte Verrat begangen haben, Verrat an Angehörigen meiner eigenen Familie. Oder bei anderen Leuten, eher aus Oberkärnten, das Gefühl: Ich habe vielleicht Menschen aus anderen Landesteilen verraten, als sie verfolgt wurden. Dieses Gefühl kann man dann wieder sehr gut auf die Gegner projizieren, auf die slowenischen und sonstigen Heimatverräter.

Standard: Damit verraten diese Menschen aber auch einen Teil ihrer eigenen Identität.

Ottomeyer: Auf viele trifft das zu.

Standard: Wenn ich aber einen Teil meiner eigenen Identität ständig unterdrücke oder anderweitig kompensieren will, kann das auf Dauer nicht gut für meinen Gemütszustand sein.

Ottomeyer: Als Psychotherapeut hat man hier ständig mit Leuten zu tun, die sich für irgendetwas schämen. Und es ist ja grotesk: Es ist das einzige Land der Welt, wo sich Menschen auch dafür schämen, dass sie ganz oder teilweise noch eine andere Sprache können. Das gibt's wirklich nur hier. Haider war in diesem Kontext eine Superfigur, weil er das Ende der Scham verkörperte. Er war ja schamlos und hat andere Leute gezielt beschämt, etwa den Präsidenten des Verfassungsgerichts, Ludwig Adamovich, wegen seines Namens. Da kann man dann mitmachen und braucht sich nicht zu schämen.

Standard: Haider war also für viele Kärntner geradezu ideal: als Projektionsfigur für die eigenen Widersprüche und zugleich als deren Auflösung.

Ottomeyer: Er war auch ein Spezialist für die Entsorgung von Schuld. Denn es gab doch eine Schuldfrage in Bezug auf die in Kärnten besonders starke Verstrickung in den Nationalsozialismus und auf das, was den Nachbarn im Zweiten Weltkrieg und später angetan wurde. Dramatisch könnte man von einem schleichenden Kulturmord sprechen, und der lässt auch ein Schuldgefühl zurück.

Standard: Dabei kommt ja der Name Kärnten von dem slawischen Fürstentum Karantanien.

Ottomeyer: Da gibt es den grotesken Streit um den Fürstenstein. Auf diesem Fürstenstein, aber auch später auf dem Herzogstuhl mussten die Landesfürsten den Eid auf Slowenisch leisten.

Standard: Wenn wir auf den Wahlkampf und den künftigen Landesfürsten blicken: Das BZÖ tritt mit dem Zusatz „Liste Jörg Haider" an. Ist der Mythos des Toten so stark, dass man damit weiterhin politisch reüssieren kann?

Ottomeyer: Da kommt noch was Kärntenspezifisches dazu, auch von der Geschichte her. Viele Kärntner sind so eine Art verlorene Kinder. Sie kommen traditionellerweise aus Familien, wo die Väter fehlen oder unzuverlässig sind.

Standard: Kärnten hat österreichweit den mit Abstand höchsten Anteil unehelicher Kinder, 2008 waren es fast 58 Prozent.

Ottomeyer: Da gibt es so eine Sehnsucht nach einem Vater, der kommen und bleiben soll. Und das ist Haider gut gelungen, diesen Vater zu spielen, der seine Kinder, jedes einzelne, wiedererkennt. Das hat er auch gut ganz gemacht, durch seine Almosenaktionen und dadurch, dass er die Leute wiedererkannt und persönlich, auch körperlich begrüßt hat. Ich glaube, seine Ich-bin-schon-weg-bin-wieder-da-Inszenierung hat das noch verstärkt.

Das ist so ähnlich, wie wenn der Vater aus dem Haus geht und verschwunden bleibt. Wenn er dann wiederkommt, sind alle tief gerührt. So entsteht über die Jahrzehnte doch eine Kontinuität, und die Leute haben ihn sozusagen als fehlendes Familienmitglied adoptiert. Und waren stolz auf ihn. Denn durch Haider kannte man Kärnten in der Welt.

Standard: Kärnten und Haider waren also gruppen- wie individualpsychologisch die schlechthin ideale Kombination, die so vermutlich nicht wiederholbar ist.

Ottomeyer: Ich glaube nicht, dass das wiederholbar ist. Etwas beängstigend ist aber, dass sich Haiders Bereitschaft, Menschen auszugrenzen – also sowohl die slowenische Minderheit einzudämmen als auch angeblich kriminelle Fremde abzuschieben – irgendwie verankert hat. Seine Erben haben ja versprochen, das fortzusetzen.

Standard: Wird das funktionieren bei den Wahlen, diese Berufung auf Haider durch BZÖ und FPÖ?

Ottomeyer: Ich bin ein bisschen stolz auf unsere Menschenrechtsaktivisten in Kärnten, die es trotzdem gibt, auch auf die Grünen mit Rolf Holub, auf die evangelische Kirche und zum Teil auch auf die katholische Kirche, die sich gegen diese Deportationsmentalität gestellt haben, Stichwort Saualpe (Internierung von Asylwerbern in einem abgelegenen Heim, Red.). Da kann man sich ein bisschen freuen, dass das erst einmal gestoppt scheint. Aber es bleibt am Kochen.

Standard: Was das Verhältnis zur slowenischen Minderheit betrifft, so könnte man aus der Haltungsänderung eines Mannes wie Josef Feldner, des Heimatdienst-Obmannes, auf ein breiteres Umdenken schließen. Könnte es sein, dass viele sogenannte Deutschkärntner schon um einiges weiter sind, als die Haider-Erben glauben machen wollen?

Ottomeyer: Ja, es gab schon Lernprozesse, in der Bevölkerung und auch bei maßgeblichen Funktionären. Und Haider hat diese Lernprozesse wieder gezielt gestoppt, weil er die Ängste und die Aggressivität für die Wahlen brauchte. Daran zeigt sich, dass die Bevölkerung manchmal toleranter und intelligenter ist als die Politiker.

Standard: Das hieße doch, dass es mit einer charismatischen Figur auf der anderen Seite ebenso funktionieren könnte. Mit jemandem, der sagt: Hören wir auf mit dem Ab- und Ausgrenzen, gehen wir auf unsere slowenischen Landsleute zu.

Ottomeyer: Das könnte funktionieren. Vielleicht kommt auch durch diesen Kult um Barack Obama die Idee von einer neuen Toleranz oder die Hoffnung auf einen gutartigen Führer auf. Aber zugleich birgt die Wirtschaftskrise das Risiko, dass Menschen Angst haben und Jagd machen auf die, die angeblich besser versorgt oder schuld an der eigenen wirtschaftlichen Not sind. Es kann in Richtung mehr Toleranz gehen, es kann aber auch kippen in die Verfolgung von Minderheiten. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2009)

Zur Person: Univ.-Prof. Klaus Ottomeyer (59) leitet die Abteilung für Sozialpsychologie, Ethnopsychoanalyse und Psychotraumatologie am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, an der er seit 26 Jahren als Sozialpsychologe tätig ist.

Daneben betreut er als Psychotherapeut traumatisierte Menschen, vor allem Kriegsflüchtlinge und Folteropfer, aber auch Kärntner Slowenen, deren Eltern im Zweiten Weltkrieg deportiert und/oder ermordet wurden. Im März erscheint sein Buch „Jörg Haider - Mythenbildung und Erbschaft" (Drava-Verlag, Klagenfurt).

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Geliebter Landesvater: Jörg Haider. Selbst nach seinem Tod dominiert er den Kärntner Wahlkampf.

  • Ticken die Kärntner anders? Ottomeyer sagt ja.
    foto: epa

    Ticken die Kärntner anders? Ottomeyer sagt ja.

Share if you care.