Schlimmes Chaos in Pyeongchang

16. Februar 2009, 12:57
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Russen erwägen Boykott und Klage - Tschudow überlegt aus Protest Verzicht auf Siegerehrung - Auch Kritik aus dem ÖSV-Lager - Schwedens Biathleten erhalten Morddrohungen aus Russland

Moskau/Pyeongchang - Nach dem chaotischen Verfolgungsrennen bei der Biathlon-WM in Südkorea erwägt der russische "Skijäger" Maxim Tschudow, die Siegerehrung am Dienstag in Pyeongchang zu boykottieren. Tschudow war am Sonntag beim Rennen über 12,5 Kilometer durch eine Jury zunächst zum Sieger erklärt worden, dann aber von einer Berufungs-Instanz auf den zweiten Platz gesetzt worden.

Björndalen am falschen Weg

"Dass die Regelverstöße von Wettkämpfern folgenlos bleiben, ist für mich völlig unverständlich", sagte er am Montag dem Internetportal "allsport.ru". Er spielte damit auf den zum Sieger erklärten Norweger Ole Einar Björndalen an, der in der ersten Runde wie elf andere Läufer einen falschen Weg gewählt hatte.

Björndalen gewann vor Tschudow und seinem Landsmann Alexander Os. Er war zunächst mit einer 60-Sekunden-Zeitstrafe belegt worden und rutschte hinter Tschudow und Os auf Platz drei. Nach einem erfolgreichen Protest wurde die ursprüngliche Reihenfolge wieder gewertet.

Boykott der Siegereherung?

Tschudow nannte die Entscheidung der Jury "einen Präzedenzfall". Er sei noch unentschlossen, ob er unter diesen Umständen seine Medaille persönlich entgegennehme. "Die Situation ist für mich sehr unangenehm, aber am Einzelrennen der Männer über 20 Kilometer werde ich an diesem Dienstag auf jeden Fall teilnehmen", betonte Tschudow. Ein Sprecher des russischen Teams sagte "allsport.ru", der Biathlon-Verband in Moskau prüfe eine Klage gegen das Urteil der Jury beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne.

Pannen häufen sich

Die Kontroversen um Björndalens zwölftes WM-Gold sind aber nicht die einzige Panne dieser Titelkämpfe gewesen. Das Chaos ist immer und überall - nicht nur wetterbedingt. Trainingszeiten werden zum Teil nur sehr spärlich kommuniziert, die Strecke präsentierte sich an einigen Stellen nicht weltcup-würdig präpariert. Zudem finden die Bewerbe quasi ohne Zuseher statt.

"Organisatoren total überfordert"

"Die Organisatoren sind total überfordert. Werbung für den Biathlon-Sport ist das sicher nicht", meinte der österreichische Biathlet Christoph Sumann. Die Chance, sich und ihre Olympia-Bewerbung für 2018 zu präsentieren, hätten die Südkoreaner "vergeigt". Teamkollege Daniel Mesotitsch formulierte es sogar noch ein wenig drastischer: "Normalerweise müsste man zusammenpacken und die WM woanders austragen."

Schweden in Angst

Bei den schwedischen Biathleten greift indes die Angst um sich: Wegen ihres konsequenten Auftretens gegen Doping erhalten sie seit geraumer Zeit Morddrohungen per E-Mail aus Russland. Das gab am Montag ihr bayrischer Cheftrainer Wolfgang Pichler bekannt. Er stellte den Antrag, dass die Internationale Biathlon-Union bei der russischen Regierung Sicherheitsgarantien für die Schweden zum Saisonabschluss beim Weltcup in Chanty Mansijsk erwirkt. "Unsere Sportler haben Angst", sagte Pichler.

Handgreiflichkeiten

Er selbst sei am Sonntag von einem russischen Funktionär handgreiflich angegangen worden. "Wir müssen um unser Leben fürchten", schätzte er ein und appellierte an die IBU, für Sicherheit zu sorgen. "Sonst können wird nicht nach Russland fliegen und dort starten. Das möchten wir, denn wir haben ja im Gesamtweltcup einige aussichtsreiche Athleten. Doch Sicherheit geht vor", sagte der Trainer der aktuellen Verfolgungs-Weltmeisterin Helena Jonsson. Die Schweden hatten zuvor im Zusammenhang mit den drei Doping-Fällen bei russischen Biathleten auch einen generellen Boykott des Weltcup-Finales ins Gespräch gebracht.

IBU-Präsident Anders Besseberg bedauerte die Drohungen und versprach, dass sich der IBU-Vorstand auf seiner Sitzung am Freitag mit der Problematik befassen werde. "Wir nehmen das sehr ernst", sagte der Norweger.(APA)

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    Wenigstens die Spielhallen sind in Südkorea perfekt organisiert: Österreichs Biathleten, wie Simon Eder, ballern auch abseits der Loipe gerne.

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