Triumph zur rechten Zeit

15. Februar 2009, 18:46
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"Faust I" von Jan Bosse mit einem Mephisto mit vielen Gesichtern, Joachim Meyerhoff

Ein Triumph zur rechten Zeit:

Wien - Es bedarf einer gewissen Ausdauer, Faust, dem großen Jammerlappen der deutschen Klassik, auf seiner Talfahrt immer wieder aufs Neue zu folgen: Studierzimmer, Auerbachs Keller, Hexenküche und wie sie alle heißen. Stationen, die von allen Seiten zigfach durchleuchtet wurden und die sich heuer besonders dicht auf den Bühnen drängen: Drei Premieren hat das Kalenderjahr in Österreich bereits gebracht; und nachdem Linz im März seinen Faust II gefeiert haben wird, fängt der designierte Burgchef Matthias Hartmann im Herbst bei Faust I neu an.

In dieser Überfülle wirkt ausgerechnet eine schon ein paar Jahre zurückliegende Inszenierung wie pures Vademecum: Jan Bosses Faust I (2004) vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg; sie war nun zweimal am Burgtheater zu Gast. Mit Mut, Geschick und einigem bühnentechnischen Aufwand entreißt Jan Bosse (auch Viel Lärm um nichts am Burgtheater) den alten unrettbaren Herrn den Fängen honetten Mitsprechtheaters.

Er verfrachtet diesen Teil I, der auf nichts als das altbackene Gretchendrama zuläuft, auf die Metaebene: Bezugnehmend auf sämtliche Aufführungspraktiken reflektieren sich Figuren und Inszenierung selbst. "Na ja", quittiert Faust (Edgar Selge) ein wenig enttäuscht seine eigene Rede. Und überhaupt: Er ist einer von uns; er erhebt sich als gescheiterter Gelehrter mitten aus den Zuschauerreihen und hält auch sonst regen Kontakt zum Publikum. Der Osterspaziergang führt ihn sogar in den ersten Mittelrang.

Die ins Parkett verlegte Drehbühne abstrahiert alle Schauplätze und erzeugt räumliche Dynamik mit Seltenheitswert. Zum späten Triumph in Wien wird die Inszenierung aber vor allem durch Joachim Meyerhoff, der seinen "Freund" als vielgesichtiger Mephisto auf den Untergang zupeitscht. Mit Breitband-Energie und physischer Super-Präsenz, von Body-Snatcher bis Heino. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 16.02.2009)


Ein Mephisto mit vielen Gesichtern: . Foto: Declair

 

  • Joachim Meyerhoff
    foto: declair

    Joachim Meyerhoff

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