Acht Pionierinnen und ihr Erbe

15. Februar 2009, 18:47
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Vor 90 Jahren durften die Frauen in Österreich zum ersten Mal wählen - Heute sind Frauen zwar de jure gleichberechtigt, de facto aber noch immer nicht

Es war ein langer Kampf, aber am 16. Februar 1919 war es endlich so weit: Bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung durften in Österreich zum ersten Mal auch alle Frauen wählen. Vor 1907 war es über das Kurienwahlrecht nur ein paar Großgrundbesitzerinnen erlaubt, mittels eines männlichen Bevollmächtigten, der "ihr" Kreuz machte, mitzuwählen. Aber auch diese Frauen verloren mit der Einführung des Männerwahlrechts im Jänner 1907 das Stimmrecht.

Erst der Beschluss des "allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Stimmrechts aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts" vom 12. November 1918 unter Karl Renner öffnete allen Frauen den Zugang zu Wahlen.

Am Montag, den 16. Februar 2009, jährt sich dieses historische Ereignis zum 90. Mal. Wer wählen wollte, musste 20 Jahre alt sein, wer gewählt werden wollte 29. 142 Frauen wollten nicht nur wählen, sondern auch gewählt werden und kandidierten für ein Mandat. Meist an aussichtsloser Stelle. Aber nach Auszählung der Stimmen war klar, dass von den 170 Abgeordnetensitzen acht Frauen - sieben Sozialdemokratinnen, eine Christlichsoziale - gehören würden, also 4,7 Prozent Frauenanteil.

Licht- und blaugraue Kuverts

Obwohl es im Vorfeld von bürgerlicher Seite Druck in Richtung Wahlpflicht gegeben hatte (Vorarlberg, Tirol und Kärnten beschlossen sie auch), weil sie die straff organisierte und besser mobilisierbare rote Frauen-Fraktion im Gegensatz zu den vermeintlich "unpolitischen" Bürger-Frauen fürchtete, lag die Wahlbeteiligung der Frauen mit 82,10 Prozent nur knapp unter jener der Männer (86,97 Prozent).

Ein überproportionaler Teil der Frauen stimmte für die bürgerlichen Parteien, auch zwischen 1920 und 1930. Statt der heutigen Wahltagsbefragungen wurden damals an Männer "lichtgraue" und an Frauen "blaugraue" Wahlkuverts verteilt, um zu wissen, wen die Frauen denn so wählen. Das Ergebnis von 1920: Bei der Christlichsozialen Partei kamen auf 1000 männliche Wähler 1315 weibliche, bei der Großdeutschen Partei 945, bei der Sozialdemokratischen Partei hingegen nur 888.

Und 90 Jahre später? Wählt "das andere Geschlecht" auch anders?

Nicht mehr so anders wie noch vor ein paar Jahren, erklärt Eva Zeglovits, Leiterin des Forschungsbereichs "Wahlen & Politik" des Sora-Instituts. Eine Analyse der Nationalratswahl 2008 habe "ein sehr ähnliches Wahlverhalten von Frauen und Männern gezeigt", sagt Zeglovits im Standard-Gespräch.

Während bei früheren Wahlen SPÖ, Grüne und LiF deutlich höhere Werte bei Frauen hatten, und ÖVP und FPÖ stärkeren Anklang bei Männern fanden, habe sich die "Gender-Gap im Jahr 2008 in Summe ausgeglichen", so Zeglovits.

Warum? Weil Frauen wie Männer auch vor allem die Partei wählen, die ihre Interessen am besten vertritt. Und diese Interessen seien so unterschiedlich wie die Frauen selbst, sagt die Wahlforscherin. So wählten etwa Frauen mit höherem Bildungsgrad am Land traditionell eher ÖVP, in der Stadt eher grün - ähnlich wie die Männer auch.

Bei den Wahlmotiven gebe es in der SPÖ- und ÖVP-Wählerschaft, aber auch bei Grünen und BZÖ kaum Geschlechterunterschiede. Der "einzig wirkliche Gender-Unterschied" bei der letzten Nationalratswahl fand sich laut Zeglovits bei der FPÖ. "Frauen, die die FPÖ wählen, darunter viele ältere, sprechen sehr stark auf das Thema Angst vor Ausländern an, viel stärker als Männer. Diese wählen die FPÖ eher aus Protestgründen oder weil sie das Gefühl haben, der Spitzenkandidat setzt sich für sie ein."

"Rechte Parteien werden eher für ihre Familienpolitik gewählt, linke eher für ihre Gleichbehandlungspolitik", ergänzt Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger von der Universität Wien.

Quoten gegen Stillstand

Viel mehr Sichtbarkeit von Frauen hat das aber nicht gebracht. Im Gegenteil, sagt Rosenberger: "Was die politische Repräsentation von Frauen betrifft, gibt es in Österreich - im Vergleich zu anderen EU-Ländern - einen Stillstand. Das stagniert seit Anfang der 1990er- Jahre." Seit 2002 gibt es gar einen Rückschritt, der Frauenanteil im Nationalrat sank von 34,4 Prozent auf 32,8 (2005) und liegt nun bei 28,4 Prozent.

Warum? Das hängt von der Parteienkonstellation und deren Geschlechterpolitik ab. "Dort, wo wir starke rechte, konservative Parteien haben, sind Frauen meist unterrepräsentiert", erklärt die Politologin. Wirksamstes Gegenmittel sei die Quote: "Wo es verbindliche Quoten gibt, haben sie die Konsequenz, dass die Anteile von Frauen und Männern gerechter sind."

Neun Jahrzehnte, nachdem das Frauenwahlrecht erkämpft wurde, "existiert zwar auf rechtlicher Ebene Gleichberechtigung, aber faktisch gibt es sie in vielen Bereichen noch immer nicht", sagt Sieglinde Rosenberger. Stichwort Einkommensunterschiede. "Jetzt geht es darum, das, was rechtlich möglich ist, auch tatsächlich umzusetzen." (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, Print, 16.2.2009)

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    Von den acht Frauen, die am 4. März 1919 ins Parlament einzogen, waren sieben Sozialdemokratinnen: Adelheid Popp, Anna Boschek (v. li., 1. Reihe), Gabriele Proft, Therese Schlesinger (2. Reihe), Maria Tusch, Amalie Seidel (nicht im Bild Emmy Freundlich und die Christsoziale Hildegard Burjan).

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