Abkehr von Europa

15. Februar 2009, 17:59
37 Postings

Dem US-Außenamt ist klar, dass mit China als zunehmend ebenbürtigem Mitspieler der USA in der Weltpolitik zu rechnen ist

Kein Maßstab ist besser zur Bewertung des transatlantischen Verhältnisses geeignet als die Wahl der ersten Destinationen in Hillary Clintons Reiseagenda: Lieferten die Europäer einander zuletzt in Washington wie Bittsteller ein Rennen, wer denn nun zuerst der neuen Madam Secretary in Foggy Bottom die Aufwartung machen darf, schaut die nach Westen und besucht kurzerhand Asien. Deutlicher sind realpolitische Prioritäten und die außenpolitische Kontinentaldrift des 21. Jahrhunderts nicht zu beschreiben. Europa ist nicht mehr im Fokus der Amerikaner - weder politisch noch ökonomisch.

In den Planungsstäben des US-Außenamtes ist klar, dass trotz aller Schwierigkeiten - von enormen Umweltproblemen bis zu sozialen Verwerfungen - mit China als zunehmend ebenbürtigem Mitspieler der USA in der Weltpolitik zu rechnen ist. Dem begegnet Barack Obamas Regierung wie angekündigt mit Pragmatismus und dem Konzept diplomatischer Einbindung. In einer neu entstehenden bipolaren Machtmatrix würde ein gutes transpazifisches Verhältnis den Amerikanern einen Partner bringen, der Europa selbst mit einer koordinierteren Außenpolitik durch den Reformvertrag von Lissabon niemals sein könnte.

Was bedeutet das für Europa? Brüssel - und nicht die Hauptstädte der Mitgliedstaaten - muss noch mehr als bisher eigene, europäische Interessen formulieren. Die amerikanische Abkehr von Europa bietet eine Chance zur politischen Emanzipation, die 20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges eigentlich keine Minute zu früh kommt. (Christoph Prantner/STANDARD,Printausgabe, 16.2.2009)

Share if you care.