"Reisen populärer als Auto kaufen"

15. Februar 2009, 17:51
3 Postings

Die Tourismusexpertin und Miterfinderin der Kampagne "I love New York", Peggy Bendel, sieht die Reisebranche relativ krisenfest

Die Tourismusexpertin und Miterfinderin der Kampagne 'I love New York', Peggy Bendel, sieht die Reisebranche relativ krisenfest. Warum Werbung gerade jetzt wichtig ist, sagte sie Günther Strobl bei einem Besuch in Wien.

***

STANDARD: Wie stark wird die Tourismusindustrie die Wirtschaftskrise noch zu spüren bekommen?

Bendel: Schwer zu sagen. Einiges deutet darauf hin, dass die Menschen eher bereit sind, auf anderes zu verzichten als aufs Wegfahren.

STANDARD: Ein Beispiel?

Bendel: Der US-Autohandel macht jedes Jahr eine Umfrage, worauf die Menschen besonders Wert legen. Vor fünf Jahren ist es erstmals passiert, dass eine Mehrheit der Befragten Freizeitreisen einen höheren Stellenwert einräumte als dem Autokauf.

STANDARD: Sie rechnen mit keinen großen Einbrüchen bei Reisen?

Bendel: Statt Drei-Wochen-Urlaube werden eventuell mehr Kurztrips gemacht. Eine Verschiebung vom längeren Haupturlaub zu mehreren über das Jahr verteilten Kurzreisen ist ohnehin im Gang - Krise hin, Krise her. Die Leute geben vielleicht weniger aus, werden Reisen aber nicht streichen.

STANDARD: Und Geschäftsreisen?

Bendel: Auch Konferenzen, Kongresse und Meetings wird es weiter geben. Die Unternehmen werden tendenziell weniger Leute hinschicken und diese statt drei eventuell nur zwei Tage dort lassen.

STANDARD: In Vier- und Fünfsternehotels wird zum Teil schon geklagt über geringere Auslastung...

Bendel: ...und versucht, über Preisreduktionen oder Zusatzleistungen Nachfrage zu stimulieren.

STANDARD: Das wird so bleiben, bis die Wirtschaft sich wieder fängt?

Bendel: Davon ist auszugehen. Bei vergangenen Krisen war es auch so, etwa nach dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang 2000. Auch jetzt schnallen die Unternehmen den Gürtel enger und sind sparsamer unterwegs. Wir haben es nicht nur mit einer Wirtschafts-, sondern auch mit einer Vertrauenskrise zu tun. Um Geschäfte zu machen, ist Vertrauen nötig. Vertrauen zu entwickeln geht nur über persönlichen Kontakt, was Reisen erfordert.

STANDARD: Im Moment schaut es düster aus?

Bendel: Niemand hat Vergleichbares schon erlebt. Das macht das Ganze so undurchschaubar. Und es kann dauern. Dass die Wende zum Besseren genauso schnell geht wie die Talfahrt, die wir jetzt sehen, ist sehr unwahrscheinlich.

STANDARD: Wie sollten Tourismusorganisationen reagieren?

Bendel: Das Marketing verstärken. Viele fahren die Ausgaben zurück, weil sie entweder das Geld nicht haben oder glauben, in so einer Situation kommt ohnehin niemand.

STANDARD: Ein Trugschluss?

Bendel: Ganz sicher. Jetzt ist der richtige Moment, Geld für Marketing auszugeben. In einer Zeit, wo viele Unternehmen Einschaltungen in Print und TV stornieren oder zurücknehmen, steigen die Chancen, hervorzustechen.

STANDARD: Wird der Tourismus eine Jobmaschine bleiben?

Bendel: Davon bin ich überzeugt. In den Jahren 1976/77 stand die Stadt New York am Rande des Bankrotts, viele Betriebe siedelten ab, mit katastrophalen Folgen für den Arbeitsmarkt. Damals hat man erkannt, dass der Tourismus die schnellste Art ist, Jobs zu schaffen. Die Kampagne 'I love New York' hat ihren Ursprung in dieser Zeit.

STANDARD: Sehen Sie neue touristische Hotspots am Horizont?

Bendel: Entwicklungen im Tourismus werden stark von politischen Faktoren beeinflusst. Wer hätte gedacht, Libyen könnte einmal in den USA die Werbetrommel rühren? Iran hat Potenzial, Kuba auch. Nach einer politischen Öffnung könnte Kuba die Dynamik in der Karibik verändern. Auch Wien könnte wieder ein Hotspot werden. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.02.2009)

Zur Person

Peggy Bendel (66) ist Tourismus-Marketingexpertin und war führend beteiligt an der Entwicklung der Kampagne "I love New York" . Bendel lebt in New York und Tucson, Arizona.

  • Peggy Bendel: "Entwicklungen im Tourismus werden stark von politischen Faktoren beeinflusst."
    foto: standard

    Peggy Bendel: "Entwicklungen im Tourismus werden stark von politischen Faktoren beeinflusst."

Share if you care.