Asien rückt in den Mittelpunkt

15. Februar 2009, 17:27
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Außenministerin ordnet Prioritäten der USA neu: Sie beschwört die Partnerschaft mit China

Um ihren neuen Ansatz deutlich zu machen, erzählt Hillary Clinton eine alte chinesische Sage. Sie handelt von einer Fehde zwischen Feudalreichen, von Soldaten verfeindeter Armeen, die sich zufällig in einem Boot wiederfinden. Ein Sturm kommt auf, die Krieger können den breiten, aufgewühlten Fluss nur überqueren, wenn sie Hand in Hand arbeiten. Das tun sie denn auch, worauf ein chinesischer Aphorismus beruht: Fahrt friedlich über den breiten Strom, wenn ihr im selben Boot sitzt.

Die Weisheit dieses Wortes müsse heute wieder Richtschnur sein, sagte Hillary Clinton, als sie vor der Asia Society, der Asien-Gesellschaft in New York, über ihre erste Auslandsreise im Amt der Außenministerin sprach. China sei heute mehr Partner, weniger Rivale. "Einige glauben, dass ein China im Aufstieg per Definition ein Gegner ist. Im Gegenteil, ich glaube, dass die Vereinigten Staaten und China vom Erfolg des anderen profitieren."

Völlig neue Töne sind das nicht. Schon seit Monaten macht in amerikanischen Essays das Wort von "Chimerica" die Runde, eine Wortschöpfung, die prägnant eine eigenartige Symbiose beschreibt. Der traditionellen Konkurrenz zwischen Washington und Peking stehen ausgeprägte gemeinsame Interessen gegenüber. Als größter Gläubiger des Rekordschuldners USA, als ein Land, das schätzungsweise 700 Milliarden Dollar an amerikanischen Staatsanleihen hält, sitzt China in der Finanzkrise in einem Boot mit "Uncle Sam" . Und auch als Exportnation hat es kein Interesse daran, dass der wichtigste Abnehmer seiner Waren in noch schwereres Fahrwasser gerät.

Diktiert von der ökonomischen Wirklichkeit, war das Verhältnis der beiden Mächte auch unter George W. Bush gut und sachlich gewesen, zumindest in der Spätphase Bushs. Aber in zu engem Sinne hätten die Wirtschaftsbeziehungen alles beherrscht, kritisiert Clinton. Sie möchte Peking auch als politischen Partner aufwerten, als Stabilitätsfaktor am anderen Ufer des Stillen Ozeans. Die Sechs-Parteien-Gespräche etwa, die Nordkorea zum endgültigen Verzicht auf Atomwaffen bringen sollen, stehen unter dem Vorsitz Chinas, was die USA ausdrücklich begrüßen. Clinton ihrerseits bietet dem isolierten Staat einen Friedensvertrag und Finanzhilfe an, falls er sein Nuklearwaffenprogramm stoppt. Es ist eine Art Generalprobe für einen eventuellen Ausgleich im Atomstreit mit dem Iran, und Peking soll dabei einen Großteil der Kleinarbeit leisten.

Militär- und Klimapolitik

Noch im Februar setzen sich chinesische und amerikanische Militärs wieder an einen Tisch, nachdem sie ihre Konsultationen 2008 wegen US-Waffenlieferungen an Taiwan unterbrochen hatten. Schließlich gehören auch Klimaexperten zu Hillary Clintons Delegation. Nach der aktuellsten Statistik erzeugt der aufsteigende asiatische Wirtschaftsriese mehr Treibhausgas als die Vereinigten Staaten. Ohne China, betont man am Potomac, wären neue Klimaschutz-Protokolle höchstens Stückwerk.

"Vielleicht" , zieht die Ministerin ein Fazit, "haben wir Asien in den vergangenen Jahren nicht die nötige Aufmerksamkeit zukommen lassen" . Das wird sich ändern, allein die Reiseroute setzt diesbezüglich ein klares Signal: Es geht neben China nach Japan, Südkorea und Indonesien.

Mit Ausnahme Dean Rusks, des Chefdiplomaten John F. Kennedys, sind amerikanische Außenminister nach ihrem Amtsantritt immer zuerst über den Atlantik geflogen. Clinton ist seit fast 50 Jahren die Erste, die am Pazifik beginnt. Das sehe man völlig entspannt, erwidern europäische Diplomaten in Washington, wenn man sie fragt, ob sich Europa zurückgesetzt fühle. Schließlich seien Briten, Deutsche und Franzosen die ersten gewesen, die von der neuen Hausherrin im State Department empfangen wurden. (Frank Herrmann aus Washington/STANDARD,Printausgabe, 16.2.2009)

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    Fahrt friedlich über den Strom, wenn ihr im selben Boot sitzt: Hillary Clinton bei ihrer Rede vor der Asia Society in New York.

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