Hauptsache ehrlich

13. Februar 2009, 20:46
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Mitunter muss man eine Zeile zweimal lesen, um den Sinn erkennen zu können

Wir wollen ehrlich sein – das treibt manchmal seltsame Blüten. Jüngst haben wir uns der Opfer der Madoff-Affäre angenommen und auf die Möglichkeit hingewiesen, dass man Rückforderungen beim US-Masseverwalter anmelden kann. Ungefährlich ist das nicht, da die Finanz dabei zuschaut und nach hinterzogener Steuer sucht. Entwaffnend ehrlich schrieben wir: „Das Formular, das dafür – unter Meineid – ausgefüllt werden muss, birgt aber auch Risiken.“ Richtig sollte es zwar unter Wahrheitspflicht heißen, aber im Wissen, dass bei solchen Gelegenheiten gerne gelogen wird, drängte sich Meineid auf. Wir sagen es gewissermaßen gerade heraus, man muss nicht zwischen den Zeilen lesen.

Mitunter muss man eine Zeile aber zweimal lesen, um den Sinn erkennen zu können. Im Album der vergangen Woche fand sich unter dem Titel „Wir leben ja nur hier“ folgende nachdenklich stimmende Darstellung: „Im Jahr 2002 hat die Zahl der Gefängnisinsassen erstmals die Zwei-Millionen-Marke überschritten. Das heißt, pro amerikanischem Bürger sitzt jeder 142. irgendwo ein.“ Das würde man gerne verstehen, scheitert aber an der Frage, was mit den übrigen 141 los ist. Häftlinge sind sie offenbar nicht, um Amerikaner dürfte es sich auch nicht handeln, aber irgendwie gehören sie augenscheinlich dazu. Es ist wie beim Meineid: Das Gegenteil ist wahr. Je 142 US-Bürger befinden sich einer oder eine in Haft.

Das Gegenteil ist im Hinblick auf diese ALBUM-Ausgabe auch in anderer Hinsicht wahr. In der Titelgeschichte stand: „Diese ‚Ungeduld der Jugend‘ gebe es, zumindest verbal, heute noch, sagt Historiker Rathkolb und verweist auf wütende Aussendungen der Sozialistischen Jugend (SJ), als die Regierung Gusenbauer Studiengebühren einführte“. Der frühere SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer hatte jedoch versprochen, die Studiengebühren abzuschaffen. Der Zorn, der ihm entgegenschlug war von der Enttäuschung angefacht, dass er die von der Regierung Schüssel eingeführten Gebühren nicht wie versprochen abgeschafft hatte. Er war in vieler Weise selbst schuld am eigenen politischen Unglück, aber die Einführung dieser Gebühren muss er sich nicht anlasten lassen.

Wir müssen uns dagegen den Vorwurf gefallen lassen, Menschen auf Kostenstellen reduziert zu haben. Umfassend stellten wir am vergangenen Montag auf zwei Thema-Seiten dar, dass „die zweite Säule des Pensionssystems wackelt“. Veranschaulicht wurde das durch eine Grafik, die die „vorausberechnete Bevölkerungsstruktur in Österreich“ zeigte. Es ging um die Menschen in bestimmten Altersgruppen und ganz im Bann der auf uns zukommenden Kosten schrieben wir „Angaben in Mio. Euro“. Die falsche Bezeichnung stammt aus einer früheren Grafik, die als Muster diente. Wenn einmal etwas da steht, glaubt man eben gerne, dass es auch richtig ist. Denken wir an ein Theaterprogramm – konkret jenes aus dem Schauspielhaus Zürich zu „Major Barbara.“ Am Premierenabend stand darin zu lesen, dass Miriam Maertens spielen würde. In der _Standard-Kritik wurde das mit der Bemerkung gewürdigt, sie habe blass gewirkt. Das kann zwar gestimmt haben, da Maertens erkrankt war, auf der Bühne war es an jenem Abend aber sicher nicht zu erkennen. Dort war Viera Kucera eingesprungen. Das Einlegeblatt, auf dem dieser Hinweis zu finden gewesen wäre, hat sich durch einen unbemerkten Segelflug zum Schauspielhausboden der Lektüre entzogen. Damit war nicht zu rechen, ehrlich. (Otto Ranftl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.2.2009)

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