Skispringen mit Heinz Prüller

13. Februar 2009, 19:22
57 Postings

Aufzeichnungen von einer Begegnung auf der "Eiswiesn" - Von Toni Innauer

Mit hängenden Köpfen standen Alexander Pointner und ich bei der Siegerehrung des gerade abgeschlossenen Olympiaskispringens auf der Normalschanze. Pragelato, die "Eiswiesn" bei Turin, hatte uns kein Glück gebracht, als wir, die großen Favoriten, bei den Olympischen Winterspielen 2006, zum ersten Mal angetreten waren. Dabei war der Morgenstern nach dem ersten Durchgang in optimaler Lauerposition an zweiter Stelle, knapp hinter dem Zufallsführenden Wassiliev aus Russland, gelegen.

Die norwegische Bundeshymne zu Ehren des Überraschungssiegers Lars Bystol quälte unsere, von einem bitteren Wettkampfverlauf strapazierten Trainernerven, als ich aus dem Augenwinkel einen unauffälligen, älteren Herrn wahrnahm, der sich interessiert dicht neben uns gestellt hatte. Die fünf Führenden des ersten Umlaufes waren Opfer des stärker werdenden Fallwindes geworden und hatten umständehalber keine Chance auf eine der begehrten Medaillen gehabt. Die Ergebnisliste wies Morgenstern als Neunten aus, und uns war es einmal mehr in dieser Saison peinlich, den verfluchten Wind als Erklärung für einen Misserfolg strapazieren zu müssen.

Bei den letzten Takten der Hymne, die einen weiteren großen Erfolg unseres ehemaligen Nationaltrainers Kojonkoski untermalte, identifizierte ich den Zaungast neben uns als Österreicher, mehr noch als den Österreicher, als Heinz Prüller, den Heinz Prüller. Er war nicht dienstlich, sondern rein interessehalber im Sprungstadion und stand völlig unverkrampft und erfrischend neugierig neben uns. Es ist fast nicht möglich, in so einer verkorksten Situation die passenden Worte für die Gedemütigten zu finden, aber Heinz schaffte es: "Beim Zusehen hatte ich den Eindruck, die Männer auf dem Siegespodest würden bei einer Wiederholung des Durchganges völlig andere sein."

Alex und ich waren baff. Heinz war kein Skisprungreporter, er wollte sich auch nicht anbiedern, dafür haben wir einen besonderen Sensor, er verstand ganz einfach und schnörkellos die vorliegende Konstellation. Der Prüller, der von jüngeren Kollegen mit dem Hinweis auf sein redundantes Detailwissen gerne zum gnadenhalber geduldeten, kauzigen Altmeister stilisiert wurde, erfasste und beschrieb die Situation mit einem Blick, einem einzigen Satz treffend und, zugegeben, auch trostspendend. Gemeinsam und mangels aktuellen Erfolgs völlig ungestört umrundeten wir drei Österreicher das Stadion in gebotener Tristesse und vereinbarten ein erfolgsunabhängiges Treffen nach dem Springen auf der Großschanze. "Same time, same station!"- Heinz Prüller war selbstverständlich und entspannt zur Stelle, als vier Tage später unsere Hymne in die Passage "Volk begnadet für das Schöne" einbog und Andi Kofler und Thomas Morgenstern auf dem Podest um die Wette grinsten. (Toni Innauer, ÖSV-Sportdirektor für Skisprung und Nordische Kombination, DER STANDARD Printausgabe 14.02.2009)

Innauer
über Prüller: "unver-krampft, erfrischend neugierig, schnörkellos".
Foto: APA

Share if you care.