Pornos in der Kunstnische

13. Februar 2009, 18:51
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"Porn Identity" reflektiert das Thema des sexuellen Begehrens mit pornografischem Potpourri - Eine Ausstellung, die besser ein Dokumentarfilm geworden wäre

Wien - Selbstverständlich sei es ratsam, sich die Brüste aufpimpen zu lassen, rät die TV-Serien-Schönheitschirurgin, schließlich entsprächen die Brüste am ehesten dem männlichen Phallus. Also: Brust-OP statt Penisneid.

Diese Fixierung auf den Phallus als bestes und vor allem unantastbares Stück des Mannes und die Geschichte des Penis sind Thema von Porn Identity. Expeditionen in die Dunkelzone. Als Karikatur erotischer Fixierungen und Idealisierungen wirken darin künstlerische Arbeiten wie jene von Terence Koh: Der Kult um den eigenen Sexappeal gipfelt in einem rituellen Tanz, einer Art Selbstbeschlafung, der Balz mit dem eigenen Schatten.

Überpräsenz sexueller Reize

Thomas Edlinger und Florian Waldvogel haben Porn Identity ursprünglich für Witte de With in Rotterdam (2007) kuratiert, dort eher älteres Publikum angelockt und nun gemeinsam mit Angela Stief für Wien adaptiert und verkleinert. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist die Überpräsenz sexueller Reize im Alltag, die Durchtränkung von Pop, Kunst und Medien mit Pornografie und dem ihr innewohnenden Prinzip der Tabu-Überschreitung. Nun soll der reale "Wildwuchs der Pornografie mit Laufbildern, Skulpturen und Installationen, die das sexuelle Begehren reflektieren", konfrontiert werden. Ausgespart bleiben mit Absicht visuelle "Pioniere des Porn-Chics" wie Paul McCarthy, Jeff Koons und Jason Rhoades, die mit dem Schau- und Stimulationswert der Pornografie spekulierten.

Wichsvorlagen?

Platte Wichsvorlagen biete man in der mit Jugendverbot belegten Schau allerdings nicht, stellen die Kuratoren nachdrücklich fest; die Dreidimensionalität der skulpturalen oder installativen Arbeiten sei wichtig. Ob es ausreicht, die räkelnden Damen in Andrew Blakes Porno Possessions hinter eine grüne Tür zu sperren, die wiederum Teil der Installation In Front of the Green Door von Johannes Wohnseifer ist, bleibt fraglich. Dass der Titel überdies auf den - neben Deep Throat - größten Klassiker im Porno-Genre (Behind the Green Door) verweist, bleibt den Uneingeweihten verborgen. Für jene sei nachgetragen, dass beide Filme 1972 nicht nur Skandale auslösten, sondern auch den sogenannten Porno-Chic-Boom: Pornofilme wurden, mit anschließender Diskussion, in "normalen" Kinos gezeigt. Auch in Porn Identity wird der Diskurs zum Thema großgeschrieben. Er entfaltet sich aber einzig dort, wo die Bezugnahme auf "echten" Porno ausbleibt: Gelungen ist das etwa mit Katrina Daschners lesbisch-feministischer Aneignung von Nabokovs Lolita-Stoff; oder mit dem mit Frauenbeinen aufgemotzten Playboy-Flipper von Ed und Nancy Kienholz; oder mit der Plakatwand von Monika Bonvicini, die das Klischee des potenten, ewig geilen Bauarbeiters aufgreift.

Best-of-Porno

Die Kombination von Soft- und Hardcore-Pornos mit künstlerischen Filmen/Videos (u. a. von Hito Steyerl zum Thema Bondage oder William E. Jones zu anonymem Sex auf Toiletten) in einer von der Decke hängenden Installation aus Videomonitoren ist wenig hilfreich, um "seine Lüste neu zu erfinden und zu verkoppeln". Vielmehr erscheint die Flimmerware als bewegtes Mosaik vielfältiger Penetrationen. Noch extremer wird das beim "Director's Cut" der Kuratoren: Die Rainbow Wall zeigt auf fünf mal fünf Monitoren ein nach ästhetischen Prinzipien geschnittenes Best-of-Porno. Na, Bravo!

Ziel des Unterfangens? "Wir wollten eine Märchen-Ausstellung für Erwachsene machen", sagt Waldvogel und wirft die Frage auf, ob es denn überhaupt noch Porno ist, wenn man es im White Cube zeigt? Offensichtlich muss das Thema der Kontextverschiebung also auch noch am Beispiel Porno durchdekliniert werden.

Kann man eigentlich aus der Ausstellung auch etwas mitnehmen, wenn man nicht an Pornografie interessiert ist? Die Antwort ist eine männliche Gegenfrage: Ist jemand, den Pornografie nicht juckt, denn an Sexualität interessiert?

Der postpornografische Diskurs, der im allzu beliebig wirkenden Parcours verlorengeht, gelänge als Dokumentarfilm besser. Schriftlich lässt er sich als Ausstellungsreader (à la Hustler, Playboy et cetera in Folie verschweißt) mitnehmen. Für das Lesen im öffentlichen Raum ist er eher ungeeignet, wie irritierte Blicke bei Testversuchen in der U-Bahn schnell klarmachen. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, Print, 14.2/15.2.2009)

Bis 1. 6.2009

Im umfassenden Begleitprogramm: Vorträge (u. a. Svenja Flaßpöhler, "Der Wille zur Lust", 12. 3., 19.00). Im April zeigt das Filmarchiv eine Reihe zu Erotik und Pornografie im österreichischen Film.
Pornografisches Potpourri in der Kunsthalle, z. B. die Skulptur von Liz Moore nach Stanley Kubricks "Korova Milkbar".

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    Pornografisches Potpourri in der Kunsthalle, z. B. die Skulptur von Liz Moore nach Stanley Kubricks "Korova Milkbar".

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