Die Krise des Marktes als Kapital für die Kunst

13. Februar 2009, 18:41
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Fälschlicherweise wird in diesen Tagen das Einbrechen des Kunstmarkts mit der Krise der Kunst gleichgesetzt - Von Richard Kriesche

Vielmehr läutet der gegenwärtige Sturzflug der Kunstwerke ihr Ende ein.

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Für Beobachter des Kunstbetriebs hat sich vor der Krise am Kapitalmarkt und schließlich am Realmarkt die Krise der Kunst des Westens bereits abgezeichnet. Die flächendeckende und widerstandsfreie globale Kapitalisierung hat es mit ihren fantasievollen Produkten und irrationalen Wachstumsraten qualitativ und quantitativ zu eigenständigen Kunstwerken gebracht. Irrationalität, bis jetzt ein Zugeständnis der rationalen Wirklichkeit nur an die Kunst, wurde bei der Verrechnung der Wirklichkeit mit Hilfe der am höchsten entwickelten finanzmathematischen Computerprogramme vergleichsweise automatisch produziert.

In Analogie zu den Kunstwerken, deren Wert allein auf dem Kunstwert beruht und deren Realwert bei Null liegt, haben Finanzakteure den Wert "ihrer Kunst" ebenfalls in astronomische Höhen getrieben und dabei auf jeglichen realen Gegenwert verzichtet. Nicht der Realwert sondern der Kunstwert ihrer Kunst beflügelte die kreative Fantasie der Börsianer, und so waren es auch sie, die die machtvollsten Kunstwerke des neuen Jahrtausends schufen.

Irrationale Verrechnung

"Bereits Mitte der 90er-Jahre" so konstatiert William Fleckenstein in seinem letzten Buch "verwandelten die Unternehmen Amerikas - die Spekulationsobjekte - das Rechnungswesen in reine Kunst. Sie kurbelten die Spekulation nicht mit ihren realen Gewinnen, sondern mit deren kreativen Ausweis an." (William A. Fleckenstein, "Mr. Bubble. Wie Allan Greenspan die Welt in den Abgrund führte"", München 2008.)

Auf diese hohe Kunst der irrationalen finanztechnischen Verrechnung von Wirklichkeit musste die Kunst eine Antwort finden. Unter Hintansetzung des - qualitativen - Kunstwertes erschuf sich entlang der Kapitalisierungsströme eine Quantifizierungs- bzw. Kapitalisierungskunst, d. h. eine Kunst nach messbaren und in Zahlenwerten darstellbaren Größen, ein bizarres virtuelles Kunstterrain, wobei die Kunst darin bestand, buchstäblich alles in reines Kapital zu verrechnen.

Dieses Verrechnungswesen hat niemand besser beherrscht als der zum Milliardär und absoluten Starkünstler der Kultur- und Kapitalismuskrise aufgestiegene Damian Hirst.

Er ist deshalb von besonderem Interesse, weil er im kleinen Feld der Kunst den globalen krisenhaften Zuschnitt des Kapitalsystems schonungslos dekuvriert und gleichzeitig das Kunstsystem nach "allen Regeln des Kapitals" ausgebeutet hat. Statt sich als Künstler mit Kunst dem Markt anzudienen, hat er sich der Krise des Kunstmarktes bedient. Ganz im Sinne der Quantifizierung schuf er das teuerste Kunstwerk eines lebenden Künstlers um kolportierte 75 Millionen Euro.

Um diesen Rekordpreis zu erzielen, musste Hirst den Produktionsprozess von Kunst, am Realwert des Kunstwerkes bemessen, ihn unterlaufen. Liegt der Realwert der teuersten Kunstwerke, selbst jener der "Mona Lisa" in der Nähe von null Euro, so hat Hirst diesen Wert "gegen alle Regeln der Kunst" - aber nach den Regeln des Kapitals - mit tausenden von Diamanten und Platin angehoben. Gemäß "den Regeln der Kunst" waren es aber gerade nicht Platin und Diamanten, sondern die "Kunst des Damian Hirst", die die 75 Millionen Euro Weltrekord erbrachten.

Hirst hat damit die Kunstproduktion hinter sich gelassen. "Hirst isn't making art, Hirst is making Hirsts" (Sarah Thorton in Seven Days in the Art World), nicht "arte povera", die einst die unedelste Materie durch Kunst erhöhte, gibt den Ticker vor, sondern "arte opulenta", die Veredelung der edelsten Materie durch Kunst als Kunst. Dass Hirst, wie sich später herausstellen sollte, seine Arbeit selbst gekauft hatte, fügt sich bestens in die bizarre Welt der irrealen Fantasien auf dem Finanz- und Kunstmarkt.

Als schließlich Hirst im September 2008 bei Sotheby's "das ungeschriebene Gesetz des Kunstmarktes umging" und an den Galeristen vorbei seine Arbeiten direkt versteigerte, boten "seine" Galeristen mit, um, wie das Wirtschaftsblatt schrieb, "von den neuen Werken etwas abzubekommen".

Außer Kontrolle

Das Gesamtergebnis erbrachte gemäß der Quantifizierung erneut einen Weltrekord. der bisherige Rekordhalter Picasso wurde um Längen geschlagen.

Der Produzent - Hirst - wird hier also zum Käufer seiner eigenen Produkte, bei einer Kunstauktion seiner Arbeiten bietet ein Konsortium mit, in dem er selbst Mitglied ist. Eindeutiger hätte sich die "Absurdität der ökonomischen Wirklichkeit" (faz-net, 3. Jänner 2009) eines ekstatisch außer Kontrolle geratenen Kapitalisierungsmarktes nicht decouvrieren lassen. Analog zur Entwicklung am Kapitalmarkt sind die Hirst'schen Kunstwerke nur noch Versatzstücke für "die kreative Fantasie am Kunstmarkt bzw. sorgen für jenen kreativen Ausweis, mit dem die Spekulanten der Kunstwirtschaft ihren Gewinn ankurbelten."

Gemeinsame Sprache

In der Woche der Sotheby's-Versteigerung am 17. September 2008 mit dem Weltrekordergebnis von 140 Millionen Euro ist fast auf den Tag genau (15. September 2008) die Investmentbank Lehman Brothers - Kunstsponsoren mit einem jährlichen Etat von 39 Millionen Dollar in Konkurs gegangen. In der Folge ist nicht nur der Finanzmarkt eingebrochen, sondern sämtliche US-amerikanische Investmentbanken.

Wieder zwei Monate später, bei Hirsts jüngster Auktion in New York vom 16. November 2008, fand der auf drei Millionen Dollar geschätzte Damien Hirst keinen Käufer mehr.

Dank dieser gemeinsamen Kunst- und Kapitalmarktkrise ist eine wohlverstandene Renaissance im Verhältnis von Kunst und Kapital zwingend. Wer weiter einer "unheiligen Allianz" das Wort redet, hat zum einen die Signale weder auf Seiten der Kunst noch auf denen der Wirtschaft verstanden sondern treibt nur die Kunst in die Isolation bzw. bringt das Kapital dazu, sich anderen Partnern zuzuwenden.

Hingegen bietet uns erstmals die Krise, die uns noch länger in Atem halten wird, die Gelegenheit, das virtuelle Kapital der Ästhetik und die Ästhetik des realen Kapitals zum Gegenstand einer realitätsbezogenen Kunst und einer der Kunst affinen Wirtschaft zu machen.

PS: Dazu wird eine gemeinsamen Sprache zu entwickeln sein, deren innere Logik von grenzenloser Komplexität und deren äußere Erscheinung global, über Kulturen hinweg selbsterklärend zu sein hat, ähnlich den jetzigen Börsencharts ... (*)

 

(*) siehe dazu die noch bis 22. Februar laufende Ausstellung " "aesthetik + code" im Kunsthaus Graz (http://kulturdata.joanneum.at); am selben Ort findet kommende Woche (17. 2. , ab 19.00 Uhr) auch eine Podiumsdiskussion zum Thema des hier pubizierten Kommentars statt ("Wirtschaft im Umbruch - Kunst im Umbruch?"): Über unterschiedliche Mechanismen des Geldmarkts und deren Auswirkungen auf den Kunstbetrieb diskutieren neben Richard Kriesche Peter Pakesch, Intendant des Landesmuseum Joanneum, der Kultur- und Medientheoretiker Ramón Reichert, Regina Prehofer, Vorstandsmitglied der Bawag PSK, und Rudolf Scholten, Vorstandsmitglied der Oesterreichischen Kontrollbank; Moderation: Gerfried Sperl.

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    Richard Kriesche, Medienkünstler, lebt in Graz: Wer von einer "unheiligen Allianz" spricht, hat die Zeichen der Zeit nicht ver-standen.

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    "Gegen alle Regeln der Kunst": Damien Hursts mit Diamanten besetzter Totenschädel "For the Love of God".

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