Die Spionin, das unbekannte Wesen

13. Februar 2009, 18:31
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Bei der EU-Kommission entsprechen Spioninnen James-Bond-Klischees

Die Angst vor der Spionin geht um. Nachdem der Sicherheitschef der EU-Kommission in einer E-Mail unlängst das Personalbüro dazu aufgefordert hatte, "undichte" Stellen zu schließen, warnte eine Behörden-Sprecherin, der Feind "könnte auch die hübsche Volontärin mit den langen Beinen und den blonden Haaren sein".

Wenn nun Kommissionsmitarbeiter junge Volontärinnen mit Argwohn beäugen, dürften sie aber auf der falschen Fährte sein. Denn eine Agentin ähnelt eher einer Bibliothekarin oder einer Klavierlehrerin. Das behauptet zumindest Wilhelm Dietl, Ex-Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes, der für sein Buch "Spy Ladies" (2006) neun Spioninnen traf. Die "Bond-Klischees" von der vor Sex-Appeal strotzenden Geheimnisvollen hätten diese Frauen und auch andere bekannte Fälle, nicht erfüllt, sagte Dietl dem Standard.

Aber was ist mit einer der wohl berühmtesten Spioninnen: Margaretha Geertruida Zelle alias Mata Hari, die am 15. Oktober 1917 in Frankreich hingerichtet wurde und als die schönste Spionin aller Zeiten gilt? Sie hatte vor ihrer Tätigkeit für den deutschen Nachrichtendienst in Paris als Tänzerin Erfolge gefeiert - mit Auftritten, an deren Ende sie oft nur noch in Schmuck gehüllt auf der Bühne stand. "Sie war keine Agentin, denn sie war nicht im Auftrag eines Geheimdienstes unterwegs", sagt Dietl. Mata Hari habe nur ihre Kontakte genutzt und "ein bisschen geplaudert".

Sex wurde vor allem in der früheren Sowjetunion dazu benutzt, an Informationen zu kommen. Jene aus Nordkorea stammende und 2008 aufgeflogene Spionin, die in Südkorea Militärs durch Intimitäten Infos entlockt haben soll, sei die absolute Ausnahme - und diese Methode auch nicht Teil der Ausbildung. Eine Agentin muss vielmehr mit Sprachkenntnissen brillieren, psychologisch gut geschult und in die auszukundschaftende Materie gründlich eingearbeitet sein. Der Vorteil, den eine Frau in diesen Job mitbringe, ist laut Dietl, dass sie sich aus prekären Situationen besser herausrede, während der männliche Kollege eher auf Konfrontationskurs gehe.

Seit Mitte der 80er-Jahre akquirieren Geheimdienste vermehrt Frauen, die Zahl dürfte nach wie vor steigen. Der im Ausland tätige "wilde Agent" ist im Regelfall laut Dietl aber immer noch ein Mann - wenn auch kein James Bond. Wer bei der EU-Kommission nach den "undichten Stellen" Ausschau halten will, sollte eher den an Sicherheitsfragen interessierten Technokraten unter die Lupe nehmen. (Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.2.2009)

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