"Der Direktor will mich fertig machen"

13. Februar 2009, 17:57
194 Postings

Engin A., jener Islam-Lehrer, dem vorgeworfen wird, antisemitische Flugblätter verteilt zu haben, erklärt: "Ich bin bereits der Dritte, der von dieser Schule fliegt"

Standard: Zuerst Disziplinarverfahren, dann Unterrichtsverbot, nun einvernehmliches Lösen des Dienstverhältnisses mit der Islamischen Glaubensgemeinschaft: Haben Sie die Verfehlungen, die Ihnen als Religions-Lehrer vorgeworfen werden, mittlerweile eingesehen?

Engin A.: Nein. Für mich ist es sehr deprimierend, was da derzeit über mich berichtet wird. Es ist so viel Gelogenes dabei. Bitte, es stimmt einfach nicht, dass ich in meiner Schule diese Flugblätter mit den Firmenlogos jüdischer Firmen ausgeteilt habe. An diesem Tag habe ich den Unterricht in den EDV-Raum verlegt - und die Schüler haben an den Computern diverse Seiten aufgemacht und dann diese ausgedruckten Listen untereinander verteilt. Dazu sind auch SMS gekommen von irgendwelchen Personen, dass diese Unternehmen boykottiert werden sollen ...

Standard: Wie haben Sie darauf reagiert?

Engin A.: Ich habe das nicht so ernst genommen, das war mein Fehler. Ich habe die Schüler einfach aufgefordert, das in ihre Taschen zu geben. Mir war nicht klar, dass das unter politische Agitation fällt.

Standard: Und die Schule hat Ihr Verhalten nicht toleriert?

Engin A.: Schauen Sie, ich bin bereits der dritte islamische Lehrer, der von dieser Schule fliegt. Der Direktor versteht sich einfach nicht mit den Islam-Lehrern, vielleicht, weil er diesen Unterricht nicht an seiner Schule haben möchte.

Standard: Mit welcher Begründung wurden die anderen abgezogen?

Engin A.: Das fragen Sie bitte den Herrn Direktor. Mein Vorgänger hatte ähnliche Probleme mit ihm, weil er Kleinigkeiten aufgebauscht hat. Der Direktor versucht nun, mich mit seinen Kontakten zum Wiener Stadtschulrat fertigzumachen. Etwa mit dem Vorwurf, ich sei ein Antisemit. Wie kann das sein, wenn jemand an Moses, an Jesus und an Isaak glaubt?

Standard: Was halten Sie persönlich von Boykottaufrufen gegen jüdische Unternehmen?

Engin A.:
Ich finde das überhaupt nicht richtig. An diesem Tag waren die Schüler aufgrund der Eskalation in Gaza sehr aufgeregt. Aber auch wenn der Konflikt nicht gelöst ist, ist es sicher nicht der richtige Weg, Firmen zu boykottieren.

Standard: Wie würden Sie als Islam-Lehrer Ihre Einstellung zum Judentum beschreiben?

Engin A.: Mein Verhältnis zum Judentum ist im Islam genau definiert: Die Juden sind die Leute der heiligen Schriften, sie sind respektvoll zu behandeln. Ihre Religion und die unsrige haben viele Gemeinsamkeiten: Es gibt den einen Gott, Jahwe und Allah. Es gibt die männliche Beschneidung. Es gibt bei beiden ein Verbot von Schweinefleisch. Den gewalttätigen Konflikt im Nahen Osten haben nur Extremisten auf beiden Seiten ausgelöst, diese Leute sind nicht einsichtig und wollen keinen Frieden.

Standard: Welche Ausbildung zum Islam-Pädagogen haben Sie eigentlich absolviert?

Engin A.: Ich habe nicht die richtige Ausbildung dafür, das gebe ich zu. Nachdem ich die HTL fertiggemacht habe, begann ich an der Pädagogischen Akademie Geschichte und Mathematik zu studieren. Ich musste das aber abbrechen, um zu arbeiten. Dann habe ich das Angebot von der Islamischen Glaubensgemeinschaft bekommen, weil ich mich für eine Lehrerstelle beworben hatte. Dort hat man auch Leute gesucht, die nur etwas Praxis und Erfahrung mit Unterricht gehabt haben, weil es damals in Österreich noch nicht so viele Islam-Absolventen gegeben hat.

Standard: Wie viele Jahre Akademie haben Sie also hinter sich gehabt, bevor Sie als Lehrer anfingen?

Engin A.: Ein Jahr habe ich gehabt.

Standard: Was haben Sie nun vor?

Engin A.: Ich weiß es nicht. Ich bin fix und fertig und immer noch geschockt. Meine Frau und meine drei Kinder haben geweint. Aber der Druck, nicht von der Schule zu gehen, war seitens des Ministeriums einfach zu groß. Seitens der Glaubensgemeinschaft hat man mir den Abgang empfohlen. Die sind ja selber in der Klemme, wegen dieser Studie (wonach 20 Prozent der Islam-Lehrer demokratie-skeptische Einstellungen vertreten, Anm.). Aus Solidarität mit meinen Kollegen habe ich dann eben meinen Dienstvertrag gelöst. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.2.2009)

ZUR PERSON: Engin A. (33) ist gebürtiger Türke, lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Wien und hat seit 1994 die österreichische Staatsbürgerschaft.

Share if you care.