Der langsame Niedergang des Hamid Karsai

13. Februar 2009, 17:55
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Der neue US-Gesandte Richard Holbrooke nimmt an diesem Wochenende in Kabul den afghanischen Präsidenten unter die Lupe

Mit dem Machtwechsel in den USA sank auch Hamid Karsais Stern. Er gilt als unzuverlässig.

Wien – Er sieht ungesund aus, weit mehr wie ein Getriebener als einer, der sein Land oder das, was er davon effektiv kontrolliert, noch in irgendeine Richtung steuern könnte. Der Niedergang von Hamid Karsai gehört zu dem Stück, das nun geschrieben wird. Bei der Reorganisation des Kampfs gegen die Taliban, die die neue US-Regierung versucht und auf die auch die Nato-Verbündeten in Europa drängen, ist für Afghanistans Präsidenten eigentlich kein Platz mehr. "Klar, er ist ausgelaugt" , sagte William Wood, der scheidende US-Botschafter in Kabul, kürzlich einem Besucher.

Sieben Jahre Leben im stark gesicherten Präsidentenpalast von Kabul haben eben ihre Spuren hinterlassen. Karsai, der heute, Samstag, den neuen US-Gesandten Richard Holbrooke empfängt, den Mann, der das "völlige Durcheinander" – Originalton Holbrooke – in Afghanistan und Pakistan richten soll, weiß, dass sein Kurs in Washington mit dem Präsidentenwechsel gesunken ist. Unentschlossen, zögerlich, ineffizient, unzuverlässig sind die Beschreibungen, die jetzt in Gesprächen mit amerikanischen Regierungsvertretern und Sicherheitsexperten über den 51-jährigen Paschtunen auftauchen.

Holbrooke selbst hatte vor seiner Ernennung zum Sondergesandten über die "massive Korruption" der afghanischen Regierung unter Hamid Karsai geschrieben. Hillary Clinton hatte in der schriftlichen Fassung ihrer Vorstellungsrede im US-Senat eine Passage stehen, in der vom "Drogenstaat" die Rede war, über den Karsai präsidiere; in ihrem mündlichen Vortrag ließ die neue amerikanische Außenministerin diesen Vorwurf aus. Mit einigem schauspielerischen Talent klärte Karsai seine Zuhörer bei der Sicherheitskonferenz in München in der Vorwoche auf: Ein "Drogenstaat" , so sagte der Präsident, sei ja ein Staat, in dem Regierung und Behörden am Drogenhandel beteiligt sind und mitverdienen; wäre dem so, sagte Karsai, wäre Afghanistan aber das reichste Land der Welt.

Bruder unter Verdacht

Karsais jüngerer Bruder Ahmed Wali, Chef des Provinzrats von Kandahar, ist so einer, der am Drogenhandel mitverdient. Das glauben zumindest die US-Geheimdienste, die schon 2004 auf den Bruder des Präsidenten aufmerksam wurden. Ein Informant der Amerikaner wurde später erschossen, ein anderer sitzt in Kabul im Gefängnis. Die Karsais halten das alles für eine politische Intrige.

Der Opiumanbau in Afghanistan sank dabei im vergangenen Jahr leicht, aber nicht etwa wegen entschiedener Maßnahmen der Regierung und der Armee, die nicht noch mehr Unterstützung bei der Landbevölkerung verlieren wollen: Schlechtes Wetter vernichtete einen Teil der Saat, und die Opiumpreise fielen für die Bauern um ein Viertel gegenüber dem Weltmarktpreis für Weizen.

"Das Grundproblem in Afghanistan sind nicht zu viele Taliban; es ist zu wenig gute Regierungsarbeit" , schrieb Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer im Jänner in einem Kommentar für die Washington Post. Karsai, der sich bei Präsidentschaftswahlen im August eine zweite fünfjährige Amtszeit sichern will, ist in die Offensive gegangen. Er wechselte korrupte Minister aus, macht die Millionenhilfen der internationalen Gemeinschaft an den Regierungsbehörden vorbei für die Misswirtschaft in seinem Land verantwortlich und prangert die ausländischen Truppen an und deren rabiate Hausdurchsuchungen und Fehlbombardements auf Zivilisten. Karsai fordert nun von Washington Mitsprache bei den Militäroperationen.

Seine Ablösung käme dem Westen wohl gelegen. An Rivalen mangelt es nicht: der gerade zurückgetretene Finanzminister Anwar ul-Haq Ahadi, sein Vorgänger, der jetzige Rektor der Kabuler Universität, Ashraf Ghani, der frühere Außenminister Abdullah. Verglichen mit ihnen gilt Hamid Karsai bei all seinen Fehlern immer noch als der stärkste Politiker Afghanistans. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2009)

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    Realitätsverlust im Präsidentenpalast: Hamid Karsai gilt den USA und Europa mittlerweile als unentschlossener und unzuverlässiger Verbündeter im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan

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