Als die Wende anstatt der Panzer kam

13. Februar 2009, 17:39
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Der deutsche Dokumentarist Thomas Heise zeigt sein "Material" von 1989

Seit zwanzig Jahren wartet Deutschland nun schon auf den großen Wenderoman. Die außerordentlichen Geschehnisse von 1989/90 verlangen nach einem außerordentlichen Werk der Darstellung. Aber leider enden die meisten Versuche, der Wende künstlerisch gerecht zu werden, mit einem ganz normalen Werk, normal wie weitgehend der Alltag in der Bundesrepublik.

Unbeachtet bleibt dabei, dass es schon eine ganze Reihe relevanter Beiträge gibt, die einer auf Größe fixierten Öffentlichkeit entgehen. Der Dokumentarfilmer Thomas Heise hat 1989 "Imbiß" spezial gedreht, eine kleine Beobachtung an einem Würstelstand am Berliner Alexanderplatz, kurz vor dem 40. Jahrestag der DDR. Die Leute, die hier vorbeikommen, erleben gerade eine Revolution, aber sie merken es gar nicht so richtig. Denn die Vorstellung, dass es immer Barrikaden braucht, auf die man steigen kann, wurde 1989 widerlegt.

Für das Fernsehen kam die Wende mit dem Fall der Mauer. Für einen Mann wie Thomas Heise begann sie viel früher, und es war auch noch nach 1989 nicht sicher, ob sie kommen würde. Immerhin konnte er, der in der DDR mit seinen Filmen die Behörden gegen sich aufgebracht hatte, in den Neunzigerjahren wieder drehen. Mit Stau - Jetzt geht's los, dem Porträt einer Familie in Halle-Neustadt, wurde er zum Chronisten des Rechtsradikalismus. Dieses Etikett ist ihm geblieben, dabei ist sein Werk doch viel reicher, und es hat auf der Berlinale mit der Uraufführung von "Material" noch einmal eine neue Dimension bekommen.

Dieser fast dreistündige Film besteht im Grunde aus Resten. Heise hat "Material", das er (vor) 1989 und später gedreht und bisher nicht verwendet hat, in eine persönliche Ordnung gebracht. Er schreibt damit aber doch auch die Geschichte dieses Jahres, und zwar in einem tatsächlich historiografischen Sinn. Er wählt nur nicht die Darstellungsform einer großen Erzählung, sondern er belässt die Dinge so, wie sie ein Leben prägen - also manchmal zufällig, manchmal notwendig, das Wichtige neben dem Unwichtigen.

Die Wende ist gerade in vollem Gang, da tritt eine Frau von einem Chemie-Institut vor eine Menge und möchte den Standpunkt ihrer Abteilung kundtun. Sie orientiert sich am Funktionärsdeutsch, spricht aber viel zu schnell und unterbricht sich mit einer Entschuldigung. "Die Zeit ist so schnell." Für Thomas Heise kann das nicht anders gewesen sein, aber er nimmt bewusst Tempo heraus. Er geht an Orte, an denen die Zeit zäh vergeht, wie in einer DDR-Strafvollzugsanstalt oder in die Volksvertretungen, in denen zwischen den Sätzen persönliche Schicksale zermahlen werden. In Berlin geht er 1989 an das Brandenburger Tor. Ein Freund sagt: "Gleich kommen die Panzer." Aber die Panzer kamen nicht. Es kam die Wende. Den großen Wendefilm wird es nicht geben, aber das Material dazu ist ohnehin viel wichtiger. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.02.2009)

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