Mehr Warenflut als Wagemut

13. Februar 2009, 17:32
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Samstagabend endet die Berlinale: Während manches Versprechen nicht erfüllt wurde, verzeichnet man einen Besucherzuwachs

Auf einer Nebenschiene wurde das Jahr 1989 thematisiert.

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Plötzlich ist alles anders: Man bekommt auch als morgendlicher Nachzügler noch einen guten Sitz im Kino. Die Schlangen vor diversen Schaltern haben sich aufgelöst, und im Schreibraum ist immer ein Rechner frei. Die 59. Berlinale neigt sich unverkennbar ihrem Ende zu. Manche Auszeichnung wie jene an den Franzosen Claude Chabrol für sein Lebenswerk wurde bereits vergeben. Der Bärenanteil folgt am Samstagabend. Bis es so weit ist, darf weiter spekuliert werden, wie sich die Jury entscheiden wird. Zumal deren Vorsitzende Tilda Swinton eine Verfechterin wagemutiger filmischer Unternehmungen ist (und bereits bei der Eröffnung bekannte, dass ihr Herz ja eigentlich fürs Forum schlägt).

Radikale Unternehmungen wiederum waren heuer dünn gesät. Die Kritikerrankings diverser Medien favorisierten wahlweise die konzentrierte Beziehungsstudie Alle Anderen von Maren Ade, Rachid Boucharebs London River - ein Sozialdrama, das zwei Hinterbliebene von Opfern der Bombenanschläge in London vom 7. Juli 2005 zusammenführt - oder auch Peter Stricklands Katalin Varga, der seine Titelheldin auf eine folgenschwere Reise in ihre rumänische Heimat begleitet. Zuletzt wurde mit Richard Loncraines My One and Only und Renée Zellweger sogar noch eine echte Komödie aufgeboten. Aber auch die vermochte nur bedingt jene Endorphinausschüttung zu produzieren, auf die man auf einem Festival neben anderem dann schon auch hofft.

Die Pragmatiker beklagten folglich, dass deutsche Prestigeprojekte wie Hilde nicht in den Wettbewerb Aufnahme fanden, sondern "nur" in einer Spezialleiste laufen durften (zumindest bis zur gestrigen Premiere des einigermaßen verunglückten Knef-Biopics mit Heike Makatsch). Aber auch die Verfechter radikaler Filmentwürfe suchten das Ihre vergeblich. Stattdessen hatte man es einerseits häufig mit der nächsten Generation von Europudding zu tun.

Andererseits mit durchaus ambitionierten Produktionen wie Oren Movermans The Messenger: Der Film handelt von zwei US-Soldaten, welche Hinterbliebenen an der Heimatfront die Nachricht vom Tod ihrer Angehörigen im Kriegseinsatz zu überbringen haben. Aber er bleibt dabei ein Stück zu konstruiert: Er setzt zu sehr aufs Repräsentative und überlädt die immens produktive Grundidee mit zusätzlichen Problemen.

Breit gestreutes Angebot

Grundsätzlich sollte man auch nicht vergessen, dass der Wettbewerb tatsächlich nicht einmal zehn Prozent des Festival-Programms ausmacht - 383 Filme waren in diesem Jahr insgesamt zu sehen. Und dass die Berlinale bereits zur Festivalmitte die Überbietung der Kartenverkaufszahlen des Vorjahrs (ca. 240.000) um 30.000 meldete, das hat sicher nicht nur mit der Neuen Spielstätte im Friedrichstadtpalast (1800 Plätze) zu tun, sondern auch mit dem breit gestreuten Angebot, das eine interessante Programmleiste für sehr junge Kinogeher inkludiert.

Österreichische Beiträge - seit mehreren Jahren zwischen vier und fünf - waren in diesem Jahr im Forum vertreten (u.a. Yoav Shamirs Suche nach aktuellem Antisemitismus, Defamation) und im Panorama (hochgelobt: Der Knochenmann, weniger gelobt: Das Vaterspiel). In letzterer Sektion befand man sich immerhin in Gesellschaft des brasilianischen Dokumentarfilms Garapa von José Padilha. Genau - der Regisseur hat im Vorjahr den Goldenen Bären gewonnen. (Isabella Reicher aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.02.2009)

 

  • Ein Maestro sieht durch den falschen Sucher: Claude Chabrol witzelt mit dem Preis für sein Lebenswerk herum.
    foto: berlinale

    Ein Maestro sieht durch den falschen Sucher: Claude Chabrol witzelt mit dem Preis für sein Lebenswerk herum.

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