Unser Werk, unser Schicksal

13. Februar 2009, 17:26
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60.000 Menschen arbeiten im größten Stahlwerk Russlands. Wenn es dem Stahlwerk gut geht, sagt man in Magnitogorsk, geht es auch den Menschen gut

Das Stahlwerk schlafe nie, sagt Galina Djurjagina. Nachts höre man es auf der asiatischen Seite des Ural-Flusses röcheln und schnauben wie ein monströses Urvieh. Auch seinen Atem könne man dann riechen. Ätzend, beißend bis ins Mark. So rieche Magnitogorsk manchmal. Dann lächelt die 55-Jährige mit den kleinen Augen und der Stimme eines Generals. Die Einwohner der von Stalin ab 1929 im Staub der Steppe errichteten Stahlstadt im Ural haben einen schwarzen Humor. "So schlimm ist die Luftverschmutzung heute aber nicht mehr", erklärt schließlich der Taxifahrer, der uns auf den Magnetberg kutschiert. "Aber bis vor nicht allzu langer Zeit war das hier die Hölle. Im Winter war der Schnee schwarz vor Ruß." Als Kind, kann er sich noch erinnern, hätten sie Blätter in einen Bach geworfen: "Sobald die in Berührung mit dem Wasser kamen, haben sie sich aufgelöst." Dann lacht er.

Starke Präsenz

Die Sonne brennt. Aus den Schornsteinen steigen rötlichschwarze Wölkchen in den blauen Himmel. Auch jetzt, oben auf dem Magnetberg, dem Wahrzeichen der Stadt, hört man die Geräusche des Industriekomplexes, der sich auf einer Fläche von rund zehn mal zehn Kilometer in der flachen Ebene erstreckt. Das Stahlwerk beherrscht die Landschaft - und das Leben. Das Kombinat ist überall präsent. Nicht nur in der Stadt, die sich nach Anfängen auf der asiatischen Flussseite auf die europäische Seite verlagert hat - so als habe sie versucht, vor dem Werk und dem Dreck zu flüchten. Im Museum hängen Bilder, auf denen die Schlote der alten Martinsöfen im Hintergrund zu sehen sind. Auf dem Kulturpalast prangen die großen Buchstaben des Stahlwerks: MMK (Magnitogorsker Metallurgie-Kombinat). Das Werk ist heute ein riesiges Unternehmen, dem auch Hotels, Krankenhäuser, Skilifte, Radio- und Fernsehsender gehören. Rund 60.000 Menschen arbeiten im größten Stahlwerk Russlands. Das MMK ist der größte Arbeitgeber der Stadt und der größte Steuerzahler in der Region. Wenn es dem Stahlwerk gut geht, sagen die Leute, geht es auch den Menschen gut.

Jeder in der Stadt ist mit dem Werk und seiner dramatischen Geschichte verbunden. Am 10. März 1929 waren die ersten 256 Arbeiter am Magnetberg angekommen. 1931 waren es schon über 100.000. Bauern, Arbeiter, Kommunisten, Enthusiasten, Gulag-Insassen; auch Ausländer wie beispielsweise der spätere DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker reisten seit Ende der Zwanziger in die Steppe, um aus dem Nichts das Werk und später die Stadt zu errichten - häufig mit dem Traum, eine bessere Gesellschaft zu erbauen. Stalin hatte Magnitogorsk zum Prestigeprojekt seines ersten Fünfjahresplans gemacht - ohne Rücksicht auf Mensch und Material. Bereits 1931 wurde das erste Gusseisen produziert, 1932 floss der erste Stahl. Die radikale Industrialisierung hatte Priorität, der Mensch und seine Träume mussten warten.

Stahl für die Rote Armee

Im Zweiten Weltkrieg wurden in Magnitogorsk mehr als 50 Prozent des Stahls für die Rote Armee gegossen. Magnitogorsk wurde als "Heldenstadt" zum Symbol für die Heimatfront und dadurch zum ausgeschlachteten Mythos. Das Kombinat ist "unser Versorger und Zerstörer" , schrieb die Magnitogorsker Dichterin Rima Dyschalenkowa einmal über die Bedeutung des Stahlkolosses für die Ural-Stadt. Magnitogorsk ist zweifelsohne keine schöne Stadt, aber es geht eine seltsame Magie von diesem Ort aus. "Magnitogorsk", schreibt der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel, "wurde zur Chiffre dafür, dass nichts unmöglich sein würde, wenn die Arbeiter nur Maschine und Technik handhaben würden. In Magnitogorsk besiegte das rückständige Russland sich selbst. Magnitogorsk war so viel wie 'per aspera ad astra', wie es am Portal des Werklabors heute noch zu lesen ist."

Galina arbeitet seit 30 Jahren als Elektrikerin in "Mordor" , wie die Stadtjugend das Stahlwerk zuweilen nennt. Mordor heißt das Reich des Bösen in Tolkiens Herr der Ringe. Galina: "Du kannst dem Kombinat nicht entkommen. Es ist unser Leben, unsere Kultur, unser Schicksal." Dann zählt sie die negativen Folgen dieser fatalen Liaison auf: Krankheiten wie Asthma und Krebs. Korruption, die verbreitet sei. Die politischen Bande zwischen der Führung des Werkes und der Stadtverwaltung.

"Das Kombinat ist die Stadt", sagt Galina. "Das war zu Sowjetzeiten schon so. Wurden wir früher auf den Kommunismus eingeschworen, ist es heute der Patriotismus gegenüber Russland." Dann stoppt sie ihre Tirade, hält inne und sagt: "Natürlich hat sich das Leben in der Stadt verbessert. Vor allem nach den harten Zeiten der Perestroika, als wir lernen mussten, auf eigenen Beinen zu stehen." Dieser Mischung aus Realitätsnähe und Loyalität zum Kombinat begegnet man häufig.

"Die Stadt erblüht"

Tatsächlich ist heute das Leben in Magnitogorsk auf die Zukunft gerichtet. Man sieht, dass sich Magnitka, wie die Stadt von den Einwohnern genannt wird, einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet hat. Die Straßen und Parks sind sauber. Es gibt Kinderspielplätze und Museen. Es blühen Blumen, es wird renoviert und gebaut. Unter Wohnungsmangel leidet Magnitka seit seiner Gründung. In den Randbezirken entstehen großen Einfamilienhäuser. Die Stadt gehört heute zu den wohlhabendsten Provinzstädten Russlands. Offiziell liegt die Arbeitslosenquote bei 0,8 Prozent. "Ja, die Stadt erblüht", sagt Wladimir Romanow, der neun Jahre lang im Stahlwerk arbeitete und seit 1992 eigene Unternehmen gegründet hat. Heute produziert er hochwertige Schmiedearbeiten, beschäftigt 80 Mitarbeiter und hat gerade ein großes Gelände mit alten Werkshallen gekauft. Unternehmer wie er beweisen, dass Magnitogorsk dabei ist, Unabhängigkeit vom beherrschenden Stahlwerk zu suchen, ein Weg, der schwierig sei, gibt Romanow zu. "Wir können uns vor Aufträgen zwar nicht retten, allerdings brauche ich Kredite. Aber die Inflation ist hoch, die Zinsen auch. So kann ich das Geschäft nur langsam entwickeln."

Im Stahlkombinat, das direkt neben dem Gelände von Romanows Firma liegt, ist die Zukunft dagegen schon angekommen. "Wir befinden uns in einem Prozess der Veränderung" , sagt Alexander Jakowlew mit glühenden Augen. Man erwartet von ihm, dass er so schwärmt. Der kleine drahtige Mann arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten im Kombinat, früher in der Produktion, heute für die Kommunikation. Auf dem Areal wird gebaut und renoviert. Es ist sauber. Man sieht junge Leute, von denen beispielsweise die 20-jährige Natascha Semenenkowa, eine angehende Kranführerin sagt, dass sie hoffe, für immer bei MMK zu bleiben. "Neues Stahl, neues Magnitogorsk" verspricht ein Plakat.

Modernisierung um Milliarden

"Das ist unser neuestes Milliardenprojekt", ruft Jakowlew gegen tosenden Baustellenlärm an. "Hier wird ein modernes Walzwerk gebaut, auf mehr als 120.000 Quadratmetern. Nächstes Jahr ist es fertig. Hier ist seit mehr als vier Jahrzehnten nichts investiert worden. Wir sind dabei, das wieder aufzuholen." Nach dem Ende der Sowjetunion war das Kombinat wie andere Staatsbetriebe privatisiert worden. Kindergärten, Landwirtschaftsbetriebe oder Bäckereien, die zum Kombinat gehörten, wurden abgestoßen. Milliarden wurden seitdem in die Modernisierung investiert. Allein bis 2013 sollen es nach dem Willen von Wiktor Raschnikow, dem milliardenschweren Hauptaktionär von MMK, noch einmal mehr als zehn Milliarden US-Dollar werden. Bis dahin will MMK rund 15 Millionen Tonnen Stahl jährlich produzieren. "Wir hatten viele Krisen" , sagt Jakowlew. "Mal gab es keine Arbeit, dann keine Gehälter. Heute fehlen uns qualifizierte Arbeitskräfte." Der Erfolg von MMK ist auch an die Nähe des Kombinats zur russischen Regierung gekoppelt. Im Werksmuseum ist dem jetzigen Premierminister Wladimir Putin ein Ausstellungsschrank gewidmet. "Putin hat uns sehr geholfen" , sagt Jakowlew ein paar Mal. Man könnte anfügen, dass Magnitogorsk auch Putin geholfen hat. Denn bei den Duma-Wahlen im Dezember 2007 stimmten rund 82 Prozent der Bevölkerung für die Putin-Partei. Politiker, die nicht vom Stahlwerk unterstützt würden, heißt es, seien chancenlos.

In ihrer Zweizimmerwohnung am Rande von Magnitogorsk reicht Galina Tee und Plätzchen. An den Wänden hängen Bilderdes Dalai Lama und Souvenirs aus Tibet. Dorthin ist sie vor zwei Jahren mit ihrer Tochter gereist - per Anhalter. Bald wolle sie in Rente gehen und endlich ein neues Leben wagen, ihren Traum verwirklichen. "Ich will mich als Astrologin selbstständig machen und Ausflüge zum Magnetberg für Touristen organisieren." Im alten Magnitogorsk wäre das nicht möglich gewesen. (Ingo Petz, DER STANDARD, 14./15.2.2009)

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    Magnitogorsk - "Chiffre dafür, dass nichts unmöglich sein würde, wenn die Arbeiter nur Maschine und Technik handhaben würden", so der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel.

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