Der Traum des Bauern von der Dame

13. Februar 2009, 16:50
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Ein virtuos konstruierter Schachroman aus Italien: Fabio Stassi beschreibt "Die letzte Partie"

Nachdem Capablanca an einem Nachmittag im Kreml sämtliche Führungsmitglieder der KPdSU besiegt hatte, saß er Jossif Wissarionowitsch gegenüber. Die Partie gegen Stalin endet etwas anders als jene gegen seine Generäle. "Sie sind eine Kampfmaschine", brummt er den kubanischen Schachweltmeister zwei Züge vor seiner Niederlage an - und dreht das Schachbrett herum. Stalin verliert nicht. Doch ein einziger Zug reicht Capablanca aus, das Spiel grundlegend zu verändern. Für Stalin wird er sich nicht selbst besiegen.

Ob der reale Schachweltmeister José Raúl Capablanca jemals im Kreml gespielt hat, ist nicht wichtig. In Fabio Stassis Die letzte Partie beschreibt die Anekdote den Ehrgeiz eines Artisten, der nicht nur sein Leben seiner Kunst verschrieben hat, sondern es für seine Kunst einsetzt; es wie ein Schachbrett betrachtet, um die richtigen Existenzzüge machen zu können.

Stassis Roman ist eine ambitionierte "Schachnovelle". Wie Zweigs Czentovic ist Capablanca ein Wunderkind, verblüfft schon als Knabe die alten Herren an den Spielfeldern im Havanna des soeben angebrochenen zwanzigsten Jahrhunderts. Er verfügt aber, anders als Zweigs Spieler, über eine umfassende Bildung, studiert in New York Chemie und steht später für Kuba in diplomatischen Diensten. Stassi bleibt nah an den realen biografischen Daten Capablancas: der Sieg über den kubanischen Landesmeister mit zwölf, der Durchbruch 1911 in San Sebastián, schließlich der Weltmeistertitel nach einem fulminanten Wettbewerb gegen Emanuel Lasker 1921.

Doch Stassi konzentriert seine Geschichte auf die Niederlagen Capablancas, der angeblich vierjährig die Regeln des Schach lernte, als er seinen Vater beim Spiel beobachtete. 1927 verliert er seinen Titel an den Russen Alexander Aljechin. Bei Stassi stellen die später verfeindeten jungen Män-ner noch Überlegungen über die "Träume" einer Bauernfigur an. Nach Capablancas Niederlage gewährte Aljechin dem vielleicht tatsächlich besseren Kubaner zeitlebens keine Revanche und wich ihm auf Turnieren aus.

Bei Stassi soll es nach vielen Jahren - der Krieg ist ausgebrochen und Aljechin bei den Nationalsozialisten zum Star avanciert, während Capablanca sich immer mehr in die Philosophie des Schachs vertieft hat und nun weiß, dass der Bauer von der Metamorphose in die Dame träumt - dennoch die Hoffnung auf eine Wiederbegegnung geben. In der langen Zeit, die dazwischenliegt, erliegt Stassis Capablanca einem schweren "Schachfieber" - das ihn zwar nicht wie Zweigs Dr. B. in eine Zelle bringt, ihn aber den Wahnsinn seines genialen Spielerlebens erkennen lässt. Eine "Vergiftung des Organismus‘", resümiert der Meister nahe dem Ende der Erzählung, habe ihn Partien verlieren lassen, nie der Vorstoß der gegnerischen Offensive. "Er hatte verloren, weil das Gleichgewicht zwischen seinen 16 Figuren gestört worden war und er nicht im Stande gewesen war, es wiederherzustellen."

Fabio Stassi stilisiert José Raúl Capablanca zu einem schillernden, genialischen Helden. Diese fabelhafte Figur zerbricht letztendlich an ihrer exorbitanten Größe. Nicht umsonst fühlt sich Capablanca von Kliniken und Kuranstalten, in denen andere Schachlegenden endeten, in einer morbiden Sehnsucht angezogen.

Stassi schrieb einen exakt konstruierten Roman über den Niedergang eines Strategiekünstlers. Dass seine Hauptfigur ihr Leben wie ein großes Schachspiel regiert, betont Stassi formal durch den Aufbau seines Romans in 64 dramaturgisch wohltemperierte Kapitel (genauso viele Felder hat ein Schachbrett). Romane, sagt der 1962 in Sizilien geborene Stassi, der heute in Viterbo lebt und hauptsächlich auf der Zugstrecke nach Rom schreibt, hätten für ihn mehr mit der Mathematik des Schachs zu tun als mit der "ungreifbaren" Kategorie Literatur. Seine kluge "Partie" richtet er spannungsbeladen auf ein grandioses Endspiel aus. (Isabella Hager, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.02.2009)

Fabio Stassi, "Die letzte Partie" . Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. € 19,90 / 234 Seiten. Verlag Kein & Aber, Zürich 2009

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