Geschärftes Bewusstsein für Hui und Pfui

13. Februar 2009, 16:37
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Logistik des Fischversands

Dass die Krise angekommen ist, merkt man auch an einem geschärften Bewusstsein der Öffentlichkeit für das potenzielle Auseinanderklaffen von Außen und Innen, Schein und Sein, Hui und Pfui. Mit der Krise geht ein jahrelanger Triumphzug des Hui-Prinzips zu Ende, welches darin bestand, den Kunden unter Zuhilfenahme aparter Verpackungen alle möglichen Pfui-Produkte andrehen zu wollen. Noch kein Jahr ist es her, da mussten die Banken ihre sonderbarsten Fonds nur mit Hui-Benennungen wie "Absolute Return" verzieren, und schon verkauften sie sich wie geschnitten Brot.

Die Zeiten sind vorbei. Heute könnte man einen Osteuropafonds Silbertraum, Goldesel oder Endlose Renditefreude nennen, ohne dass das seine Popularität wesentlich heben würde. Die Sache verhält sich wie mit der Bouillabaisse im Fischrestaurant: Wenn der Gast erst einmal auf dem Boden der süß duftenden und gülden glitzernden Terrine einen Kamm gefunden hat, wird er auch der Pastete und der Torte in diesem Etablissement mit Skepsis begegnen. Es ist ein klares Indiz für die gesellschaftliche Erosion des Hui-Prinzips, dass Karl Heinz Grasser, lange Jahre der österreichische Herr Hui schlechthin, heute so gut wie vom Erdboden verschwunden ist und allenfalls sporadisch gesehen wird, wie er sein onduliertes Haupt aus einer Disco in Kitz heraushängt. Nicht einmal mehr die ÖVP interessiert sich für ihn.

Im Geschäftsleben ist das Hui-Prinzip erledigt. Politisch lebt es aber weiter. Von Rahm Emanuel, Barack Obamas Kabinettschef, wird berichtet, dass er einem Meinungsforscher, der ihn durch seine Prognosen erzürnt hatte, per Post einen toten Fisch schickte. Diese Art des Strafversands kann nur funktionieren, wenn man sich an ein streng chronologisch verstandenes Hui-Pfui-Prinzip hält. Wenn sich nämlich der Pfui-Aspekt des Fischpakets zu früh entfaltet und die Forelle schon auf dem Postweg zum Himmel stinkt, dann riskiert der Absender, dass sie vorzeitig aus dem Verkehr gezogen wird und ihre Destination gar nicht erreicht.

Um also das Einlangen beim Empfänger und die gewünschte Emotionsabfolge von freudiger Gespanntheit ("Hui, ein schönes Paket!") und unerwartetem Ekel ("Pfui, ein toter Fisch!" ) zu gewährleisten, muss zuerst eine perfekte Hui-Hülle rund um die Pfui-Fülle geschnürt werden. Wie so oft im Leben kommt es auch hier auf die Verpackung an. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.02.2009)

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