Traum und Wirklichkeit - Karl Heinz Gruber

13. Februar 2009, 16:30
posten

Als "special student" durfte ich mir ein Studienprogramm maßschneidern, das mir viel Zeit für die Erkundung des amerikanischen Schulwesens ließ

Ich hatte aber weder Auto noch Führerschein.

No, I didn't. Es war sogar noch schlimmer. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wer "Krenek" war. Meine Musikerziehung hatte bei Anton Bruckner geendet. Ich empfand die Frage als unfair. Wir waren schließlich in einer Gegend, die für meine in Österreich zurückgebliebenen Freunde der "Wilde Westen" war. Der freundliche Chorleiter merkte meine Verlegenheit und stellte die Frage, mit der ich gerechnet hatte: "Was hast du schon gesungen?" Ich brauchte beim Aufzählen der mir vertrauten Chorwerke nicht einmal alle Finger einer Hand: Haydn's "Schöpfung, Die Jahreszeiten" und das Verdi-"Requiem". Als ich nicht ohne Stolz erwähnte, dass ich diese drei Stücke jeweils ein ganzes Jahr lang einstudiert hatte, war der Musiker nicht, wie erwartet, beeindruckt, sondern offensichtlich amüsiert. Wie andere Mitschüler der Linzer Lehrerbildungsanstalt war ich in den späten 1950er-Jahren eingeladen worden, im Bruckner-Chor mitzusingen, vermutlich nicht wegen meiner eher unauffälligen Stimme, sondern um das Durchschnittsalter dieses grauhaarigen Ensembles unter 70 zu drücken.

Mr. Halliday, so hieß der Leiter des Hamline University Choir, klopfte mir auf die Schulter, sagte "Karl, you will make an excellent member of our audience" . Meine amerikanische Chorsängerkarriere war zu Ende, noch ehe sie begonnen hatte. Wie sich herausstellte hatte ich mich um die Aufnahme in einen der besten amerikanischen A-capella-College-Chöre beworben, der neben Krenek Tallis, Messiaen, Gesualdo und andere Musik sang, bei der es von Vorteil war, wenn man Noten lesen konnte, ich sang "nach dem Gehör" . Bei meinem nicht sehr starken Abgang wagte ich es dennoch zu fragen: "Who is Krenek, anyway?"

My "fellow Austrian" , der Komponist Ernst Krenek, der sich mit seiner Jazz-Oper "Jonny spielt auf" den Hass der Nazis zugezogen hatte, war 1938 in die USA emigriert und 1942 dort gelandet, wo ich im Herbst 1962 ein Studienjahr als Fulbright-Stipendiat antrat: an der Hamline University in St. Paul, Minnesota, einem kleinen, feinen, privaten Liberal Arts College, das halb im Ernst als das "Harvard des Mittelwestens" bezeichnet wird, mit Harvard jedoch bloß den Anfangsbuchstaben "H" und ziemlich hohe Studiengebühren gemeinsam hat. Ernst Krenek war von 1942 bis 1947 Direktor des Hamline Music Department. Er machte Hamline – unterstützt vom Dirigenten des Minneapolis Symphony Orchestra, Dimitri Mitropoulos – zum Zentrum der zeitgenössischen Musik der "Twin Cities" Minneapolis und St. Paul und komponierte während der fünf Jahre auf dem eleganten Vorstadt-Campus etliche seiner Chor- und Kammermusikwerke. Mr. Halliday war zuerst Weggefährte, dann Nachfolger Kreneks.

Da ich vor der Abreise in die USA Lehrer gewesen war, durfte ich mir als "special student" aus dem Studienangebot ein Programm maßschneidern, das mir viel Zeit für die Erkundung des amerikanischen Schulwesens ließ. Ich hatte weder Auto noch Führerschein und war darauf angewiesen, dass mich Lehrerstudenten in ihren pastellfarbenen Karossen zu ihren Praktikumsschulen im ländlichen Minnesota mitnahmen. Wir fuhren stundenlang durch endlose Maisfelder, ehe die am Horizont auftauchenden Getreidesilos Ortschaften signalisierten. Mir war damals noch nicht bewusst, dass die von mir besuchten Schulen nur einen der drei Haupttypen amerikanischer Schulen repräsentierten, nämlich den Idealtyp der "All-american Highschool" , die Urmutter aller Gesamtschulen: Schulen, die von allen Kindern und Jugendlichen eines Ortes besucht werden; Schulen, in denen das Fach "Life Science" verpflichtend ist, in dem Buben wie Mädchen das Wickeln eines Babys, das Wechseln eines Autoreifens und die Führung eines Familienbudgets lernen.

Mit einem lauten Knall

Schulen, deren Lehrangebot die Demarkationslinien zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung aufhebt; Schulen, die über eine große "Marching band" verfügen, auch über ein Orchester, einen Chor, ein Kammermusikensemble und natürlich etliche Rockgruppen; Schulen, die danach trachten, ihre begabten und ambitionierten Schüler zu Spitzenstipendiaten zu fördern, zugleich aber die lokale (Land-)Wirtschaft mit Getreidebauern, Rinderzüchtern, Sekretärinnen und Automechanikern versorgen. Viele Highschools sind groß, mit nicht selten 2000 oder mehr Schülern, und die An- und Abfahrten der Flotten gelber Schulbusse, robuste, seit Jahrzehnten gleichbleibende Ikonen der amerikanische Landstraßen, sind logistische und choreografische Meisterstücke.

Zu meinem Stipendium gehörte ein Greyhound Busticket, das es mir ermöglichte, um 99 Dollars 99 Tage lang das gesamte nordamerikanische Streckennetz zu befahren. Ich nutzte die Osterferien, um über Salt Lake City nach Kalifornien, zum Grand Canyon und dann den Mississippi aufwärts wieder nach Norden zurückzufahren. Ich kam am Palmsonntag in Salt Lake City an und wollte unbedingt den (damals) berühmten Mormon Tabernacle Choir hören. Da es von der Busstation angeblich "just a few blocks" zum Mormon Tabernacle waren, ging ich zu Fuß und kam mit ordentlicher Verspätung zum 11-Uhr-Konzert. Ich wartete, bis der Chor eine Pause machte, und versuchte die Tür, die etwas zu klemmen schien, leise aufzudrücken.

Unglücklicherweise drückte ich an der "falschen" Türhälfte, sodass plötzlich beide Türflügel mit einem lauten Knall aufsprangen. Tausende Mormonen drehten sich um – und fingen schallend zu lachen an. Der Grund der mormonischen Heiterkeit war meine Kleidung. Vor der Abreise in die USA war uns "Fulbrightern" gesagt worden, wir wären "Botschafter Österreichs" und sollten uns auch entsprechend kleiden – und aufführen. Auch beim Eintritt in den Mormonentempel trug ich, ganz österreichischer Botschafter, einen grauen Walk-Janker mit silbernen Maria-Theresien-Taler-Knöpfen, eine grüne Bergsteiger-Knickerbocker und Stutzen mit Zopfmuster. Nach einer peinlichen Ewigkeit geleiteten mich zwei Tempeldiener, von Lachanfällen geschüttelt, zu einem der Ehrenplätze in der ersten Reihe. Schließlich beruhigte man sich, das Konzert ging weiter, ich stellte mich tot. Es wurde kein Krenek gesungen.

30 Jahre später, während eines Sabbatical an der Harvard University Graduate School of Education, lernte ich in Boston und Cambridge, Massachusetts, die beiden anderen hauptsächlichen Erscheinungsformen amerikanischer Schulen kennen: die von sozialen Problemen geplagten "urban highschools" und die privilegierten "suburban highschools" in den gepflegten Vorstädten.

Die Besuche von "urban schools" in den verarmten Vierteln von Boston und Cambridge, selbst in der unmittelbaren Nachbarschaft von Harvard, waren ernüchternd. Bei Schulbesuchen, die für mich von der Universität arrangiert waren, musste ich beim Betreten der Schulen durch eine Sicherheitsschleuse, die mich auf Waffenbesitz checkte; es wurde mir eine riesige orange Plakette mit der Inschrift "Official Visitor" angesteckt, die mich weithin sichtbar von "inoffiziellen Besuchern" unterschied, die in die Schule kamen, um Schülern Drogen anzudrehen.

Dass schulische Armut eine dunkle Gesichtsfarbe hat, ist das Resultat von "white flight" , der "Flucht" der weißen Mittelschicht in die grünen Vorstädte. Die Benachteiligung der "urban schools" wird durch den unglücklichen Umstand verstärkt, dass die Schulfinanzierung auf der Grundsteuer basiert; das steuerliche Aufkommen für die innerstädtischen Schulen in Vierteln mit hoher Arbeitslosigkeit und desolaten Wohnblocks ist viel niedriger als für die Schulen in den wohlhabenden Vorstadtvierteln.

Während einer meiner "ethnografischen" Erkundungen an einer großen Highschool in einem tristen Viertel von Cambridge geriet ich in einen Schulteil, den ich wegen der abgestellten Kinderwägen zuerst für eine der Schule angeschlossene kommunale Einrichtung hielt, was sich jedoch als schuleigene Kinderkrippe entpuppte, an der die Babys von etwa 25 afroamerikanischen Schülerinnen zwischen 15 und 18 Jahren untergebracht waren. Die jungen Mütter lernten weiter für den Highschool-Abschluss und stillten in den Pausen ihre Babys.

Sehr viel Lehrerenergie und Ressourcen wird an innerstädtischen Schulen in die pure "Aufrechterhaltung des Betriebes" investiert. Befragt, in welchem Wort sich ihre berufliche Situation zusammenfassen lässt, nannten viele Lehrer das Wort "survival" – überleben.

In den "green leavy suburbs", den wohlhabenden Vorstädten, geht es den Schulen sehr viel besser. Wie man nicht erst seit Filmen wie "American Beauty" weiß, sind auch sie keine heilen Welten, aber sie sind bestens ausgestattet, ihre Lehrer sind um ein Drittel höher bezahlt als ihre innerstädtischen Kollegen, und die starke Anteilnahme ambitionierter Eltern am Schulleben sorgt für ein förderliches Lernklima.

Harvard mag eine "Elite-Universität" sein, ihre Graduate School of Education nimmt sich jedoch mit Radikalität und Offenheit der Schwächen des amerikanischen Schulwesens und der Diskrepanz zwischen dem "American dream" und dem amerikanischen Schulalltag an.

Harvard ist allerdings nicht bloß intellektuell Weltklasse, es hat auch einen hohen musikalischen Unterhaltungswert. Alles, was Rang und Namen hat, kommt am Harvard Square vorbei: Alfred Brendel, das Kronos Quartett, Ton Koopman, The Hilliard Ensemble. Man braucht bloß ein bisschen zu warten, dann kann man hier auch Krenek hören. (Karl Heinz Gruber, ALBUM – DER STANDARD/Printausgabe, 14./15.02.2009)

Zur Person:
Karl Heinz Gruber, geb. in OÖ, lehrt seit 1973 Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Uni Wien, unterbrochen von vier Jahren Forschung an der Universität Oxford, Gastprofessuren in Hiroschima, Graz und Salzburg und Konsulententätigkeit für die OECD in Paris. Er schreibt im Standard immer wieder zu Bildungsthemen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Von jeher gelbe Ikonen der amerikanischen Landstraße: Die An- und Abfahrten der Flotten von Schulbussen vor amerikanischen Highschools waren und sind logistische und choreografische Meisterstücke.

Share if you care.