"The Sun" veröffentlicht Fotos von Josef F.s Opfer

13. Februar 2009, 14:51
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Die Ausgabe soll - offenbar ganz bewusst - dem Vernehmen nach nicht in den deutschsprachigen Raum ausgeliefert worden sein - Geklagt müsste in England nach dem dortigen Recht werden

Bisher hat es keine Fotos und keine Interviews mit den Opfern von Josef F. gegeben, der in Amstetten seine Tochter 24 Jahre in einem Keller gefangen gehalten, missbraucht und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll. Die Familie wollte - teilweise mit einer neuen Identität ausgestattet - ohne Mediengetöse in ein neues Leben starten. Nun hat die britische Boulevardzeitung "The Sun" allerdings Fotos veröffentlicht, die die Tochter von Josef F. in Begleitung einer ihrer Töchter zeigen, wie die Tageszeitung "Österreich" am Freitag berichtete.

Die bereits am Montag erschienenen Fotos würden nach österreichischem Recht eine krasse Verletzung des Persönlichkeitsschutzes darstellen und wären nach Par. 7a Mediengesetz (Schutz vor Bekanntgabe der Identität) und nach Par. 78 Urheberrechtsgesetz (Bildnisschutz) klagbar. Da es im Urheberrechtsgesetz für den Schadenersatz nach einer verbotenen Veröffentlichung keine Obergrenze gibt, sondern sich dieser nach dem Marktwert der Fotos bemessen würde, hätte die Familie gute Chancen, mit Klagen gegen unzulässige Veröffentlichungen vorzugehen und diese einzudämmen: Experten gehen davon aus, dass in diesem Fall Rekordentschädigungen fällig wären, die selbst potente Medieninhaber finanziell schwer verkraften könnten.

Das österreichische Medienrecht bietet im gegenständlichen Fall den Betroffenen allerdings keinen Schutz: Die Ausgabe der "Sun" soll - offenbar ganz bewusst - dem Vernehmen nach nicht in den deutschsprachigen Raum ausgeliefert worden sein. Auf der Online-Ausgabe des Massenblatts sind die Bilder nicht abrufbar. Laut Morawa Verlag, der die Zeitung in Österreich vertreibt, war die Ausgabe vom 9. Februar, in der die beiden Fotos abgebildet waren, nicht eingetroffen. Man sei jedoch von der "Sun" nicht über den Grund informiert worden.

Klagen nach englischem Recht

"Wenn die Auswirkungen der Veröffentlichung in Österreich nicht merkbar sind, weil diese hierzulande nicht erwerbbar bzw. abrufbar ist, ist in Österreich kein bzw. nur ein begrenzter Schaden eingetreten", erläuterte der Wiener Medienrechtsexperte Michael Rami am Freitag. Damit würden die heimische Gesetze nicht greifen. "Geklagt müsste in England nach dem dortigen Recht werden", sagte der Anwalt.

Sein Kollege Gerald Ganzger, der Natascha Kampusch unter anderem auch gegen die britische Boulevardpresse medienrechtlich vertreten hat, pflichtet dem bei: "Wenn die Publikation in Österreich nicht zu erwerben und zu erfassen ist, ist die Zuständigkeit der österreichischen Gerichte nicht gegeben. Hierzulande kann das nicht verfolgt werden."

Die Opfer von Josef F. müssten die Verletzung ihrer Rechte in England geltend machen und sich dabei auf die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) stützen, betonte Ganzger: "Der Persönlichkeitsschutz ist in Großbritannien kein gesatztes Recht. Es gibt in diesem Bereich anders als bei uns keine einfachgesetzlichen Regelungen."

Großbritannien habe jedoch die EMRK unterzeichnet, so dass die Gerichte auf Basis von Artikel 8, der die Achtung der Privatsphäre vorschreibt, anrufbar wären. Zuletzt sei der Präsident des Welt-Automobilverbandes FIA Max Mosley auf dieser Basis für ein Video entschädigt worden, das ihn bei sexuellen Handlungen mit Prostituierten zeigte.

Nach Ansicht Ganzgers wäre eine Klage gegen die "Sun" aber "sicherlich ein großes Risiko" und außerdem mit enormen Prozesskosten verbunden: "Die Pressefreiheit wird in England sicher stärker betont als der Identitätsschutz. Deswegen ist eine gerichtliche Verfolgung problematisch."

Kampusch-Anwalt rät, zu reagieren

Für den auf Medienrecht spezialisierten Wiener Anwalt Gerald Ganzger stellt die Veröffentlichung der Fotos von Opfern des 73-jährigen Josef F. eine "grobe Rechtsverletzung" und einen "unglaublichen Eingriff in die Privatsphäre" dar. Da die rechtlichen Möglichkeiten der Familie dagegen keine besonders guten sind, rät er den Betroffenen, via Medien an die Öffentlichkeit zu treten.

"Die Gefahr ist gegeben, dass jetzt der Damm bricht", meinte Ganzger am Freitag gegenüber der APA, nachdem das britische Massenblatt "The Sun" Bilder der Tochter des 73-Jährigen und eines ihrer Kinder publiziert hatte. Der Anwalt, der unter anderem Natascha Kampusch medienrechtlich vertritt, befürchtet, dass die Veröffentlichung "die weitere Entwicklung der Familie gefährdet". Es sei möglich, dass nun auch andere Medien auf diesen Zug aufspringen und mit - auf welchen Wegen auch immer beschafften - Fotos der Opfer um die Aufmerksamkeit der Leser buhlen.

"Diesen Dammbruch muss man stoppen. Es ist zu überlegen, ob die Familie nicht doch über ausgewählte Medien an die Öffentlichkeit geht und das ächtet. Sie sollten in Verbindung mit seriösen Medien treten und dagegen auftreten, damit diese Vorgangsweise in aller Deutlichkeit geächtet wird", meinte Ganzger. Mit dieser Taktik sei es im Fall Kampusch gelungen, einer reißerischen Buchveröffentlichung aus dem englischsprachigen Raum entgegenzutreten: "Das Werk ist in weiterer Folge praktisch nicht verkauft worden." (APA)

 

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