"Aggressionen spielerisch ausleben"

15. Februar 2009, 22:35
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Tun digitale Medien Kindern und Jugendlichen gut? Erwachsene können nur schwer akzeptieren, dass ihre Sprösslinge mehr wissen als sie, sagt der Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer

STANDARD: Die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie widmet ihre Jahrestagung dem Umgang mit digitalen Medien. Warum?

Hochgatterer: Weil wir Erwachsene uns nicht gut genug damit auskennen. Wie gewandt Kinder und Jugendliche mit ihren Handys umgehen, in Netzwerken kommunizieren oder sich in Foren austauschen, können wir an unseren Patienten beobachten.

STANDARD: Aber Erwachsene nutzen doch längst Computer?

Hochgatterer: Aber anders. Sie sind digitale Immigranten, Kinder "digital natives", also Eingeborene. Es ist für Erwachsene nie leicht einzugestehen, dass sie im Vergleich zu Kindern hinten nach sind.

STANDARD: "Verstehen wir einander noch? Kinder und Jugendpsychiatrie unter Beschleunigungsbedingungen" ist das Subthema.

Hochgatterer: Wir beobachten das Phänomen der Beschleunigung, das durch die Nutzung verschiedener Medien entsteht, auch bei unseren Patienten. Es gibt neue Berührungspunkte zwischen kinderpsychiatrischen Störungen und digitalen Medien. Patienten kommunizieren in Foren, in denen es um Suizid, Essstörungen oder Depressionen geht. Auch das Phänomen der Internet- oder Computerspielsucht als nicht substanzgebundene Sucht beobachten wir.

STANDARD: Also ein Grund, um Alarm zu schlagen?

Hochgatterer: Nein, ganz und gar nicht, denn der Umgang mit Internet oder Handy ist vielfältig. Er kann überaus positiv sein. Im Endeffekt kommunizieren Jugendliche heute über viele Kanäle und insofern mehr, als es Erwachsene tun, andererseits gibt es aber eben auch ein Gefahrenpotenzial bei zu exzessiver Nutzung. Die Bandbreite ist groß, und deshalb sind wir Psychiater aufgefordert, uns eine Vorstellung davon zu machen, was mit der Psyche von Heranwachsenden passiert. Eines weiß ich: Jugendliche haben eine konkrete Vorstellung davon, was sie tun, und nutzen ihr Handy, ihre Facebookseite oder ihre Foren gezielt. Leer und flach ist es nicht.

STANDARD: Was halten Sie von Computerspielen?

Hochgatterer: Grundsätzlich stehe ich jeder Form von digitalen Medien positiv gegenüber, wenn sie altersgerecht sind. Es ist aber zum Beispiel schon so, dass imaginiertes Laufen in einem Spiel auch die entsprechenden Bewegungszentren im Gehirn aktiviert, was dazu führt, dass Kinder nach Jump-and-Run-Spielen motorisch aufgeladen wirken. Sie gleichen ihr tatsächliches Bewegungsdefizit aber meistens selbst wieder aus.

STANDARD: Was ist mit Ego-Shooter-Spielen. Machen sie aggressiv?

Hochgatterer: Es hat keinen Sinn, in dieser vieldiskutierten Frage zu polarisieren. Jedes Kind, das erwachsen wird, hat ein bestimmtes Entwicklungspensum zu erledigen, muss lernen, Konflikte auszutragen, Beziehungen aufzubauen, Enttäuschungen zu verarbeiten. Auch der Umgang mit Aggression gehört dazu, und natürlich lässt sich ein Teil dieser Aggression auch spielerisch ausleben. Deshalb verteufle ich diese Art der Computerspiele nicht.

STANDARD: Also keinerlei Sorge?

Hochgatterer: Natürlich gibt es Kinder, deren Persönlichkeitsstruktur Defizite im Bezug auf die Regulierung in der Nutzung von digitalen Medien aufweist, oder Kinder, die Affekte schwer regulieren können. Bedenklich ist, wenn sie sich nicht mehr vom Computer lösen können und Realität und Spiel verwechseln.

STANDARD: Wann spricht man von Internet-Sucht?

Hochgatterer: Dann, wenn andere Lebensbereiche und Verpflichtungen wie etwa die Schule vollkommen vernachlässigt oder Beziehungen aufgegeben werden, es kaum mehr Ruhephasen gibt. Das ist zwar selten, kommt aber vor.

STANDARD: Können Konzentrationsschwierigkeiten die Folge von zu vielen digitalen Medien sein?

Hochgatterer: Natürlich. Deshalb ist es unsere Aufgabe als Kinder- und Jugendpsychiater, hier einen Weg für Entschleunigung aufzuzeigen. An der Klinik haben wir Regeln aufgestellt, also fixe Zeiten zur Handynutzung, beschränkte Internet-Verfügbarkeit.

STANDARD: Das könnte sich auch in Familien bewähren?

Hochgatterer: Klar, allerdings wird der Computer ja in vielen Schulen als Lernwerkzeug genutzt, etwa indem Hausübungen per E-Mail verschickt werden. Die elektronischen Medien erzeugen da ohne Zweifel auch einen enormen Druck und ein Tempo, das es früher nicht gab. Entschleunigung durch Regeln ist eine romantische Idee, die sich praktisch aber einfach nicht immer durchsetzen lässt. In bestimmten Entwicklungsphasen ist es ja auch gerade so, dass solche Regeln gebrochen werden und dass genau das dann zu Konflikten führt. Langfristig führt das Brechen von Regeln aber dazu, dass sie in die Persönlichkeit integriert und irgendwann zu etwas Eigenem gemacht werden.

STANDARD: Gibt es einen Zusammenhang zwischen digitalen Medien und ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom?

Hochgatterer: Eines vorweg: Ich glaube nicht, dass die echte Form von ADHS in den letzten Jahren zugenommen hat. Wir beobachten allerdings schon Kinder und Jugendliche, die sich durch die Vielfalt von Einflüssen schlechter konzentrieren können. Ich sage dann immer: Ein Grund für ADHS ist, dass wir Erwachsenen Kindern und Jugendlichen zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Für die "nicht echte" ADHS findet man meist Ursachen in der Familie, in der Schule.

STANDARD: Was ist das Ziel der Tagung?

Hochgatterer: Dass wir all jenen, die professionell mit Kindern zu tun haben, einen Einblick verschaffen. Daher sind auch Sozialarbeiter, Psychologen, Pädagogen und Pflegepersonen herzlich willkommen. Sie sind ja jeden Tag mit diesen Themen konfrontiert. (Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2009)

Termin

Die 26. Jahrestagung der Kinder-und Jugendpsychiatrie findet vom 26. bis 28. 2. in Krems statt. Programm & Anmeldung: (02236) 204 7613

  • Solange Spiele altersgerecht sind, müssen sich Eltern keine Sorgen machen, ist Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer überzeugt. Erst, wenn Jugendliche die Nutzung nicht mehr regulieren können, werden digitale Welten bedenklich
    foto: standard/heribert corn

    Solange Spiele altersgerecht sind, müssen sich Eltern keine Sorgen machen, ist Kinderpsychiater Paulus Hochgatterer überzeugt. Erst, wenn Jugendliche die Nutzung nicht mehr regulieren können, werden digitale Welten bedenklich

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