"Risikoeinschätzung entscheidet über Therapie"

15. Februar 2009, 22:21
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Wie sinnvoll ist es, Krebspatienten Lymphkniten zu entfernen? Der Wiener Onkologe Michael Gnant im Interview

STANDARD: Der Münchner Epidemiologe Dieter Hölzel hinterfragt, ob Krebspatienten zu viele Lymphknoten entfernt werden, obwohl der Eingriff die Überlebenszeit nicht verlängert.

Gnant: Ich sehe wenig Widerspruch zu unserer täglichen Praxis. Dass man durch die Entnahme der Lymphknoten das Leben verlängert, dachte man zuletzt beim Magenkarzinom, das ist aber seit einer großen deutschen Studie für die meisten Behandlungssituationen widerlegt. Es ist allgemein akzeptiert, dass Lymphknoten nicht die Hauptquelle von Rezidiven sind.

STANDARD: Aus welchem Grund werden sie dann entfernt?

Gnant: Es gibt zwei Ziele. Das erste ist, eine lokale Erkrankung im Bereich der befallenen Lymphknoten zu verhindern. Das zweite ist der diagnostische Aspekt zur Risikoeinschätzung und Steuerung der weiteren Therapie. Alle gültigen Guidelines orientieren sich am Lymphknotenbefall. Sind sie nicht befallen, kann man aufgrund des geringeren Risikos zurückhaltender behandeln. Sind viele befallen, ist oft eine aggressivere Chemotherapie angezeigt.

STANDARD: Gibt es zur Diagnose nichts Sanfteres als eine Operation?

Gnant: Das ist durch bildgebende oder andere Verfahren nicht zu ersetzen, obwohl es viele Bemühungen gab. Hätten wir eine andere Methode festzustellen, dass Lymphknoten nicht befallen sind, als sie unter dem Mikroskop zu betrachten, würde wahrscheinlich jeder Tumorchirurg gerne auf die Entnahme verzichten. So lange müssen wir versuchen, möglichst individuell vorzugehen. Es hat keinen Sinn, 30 nicht befallene Lymphknoten zu entfernen. Kann man einigermaßen verlässlich die am wahrscheinlichsten befallenen Lymphknoten entfernen, wie das beim Wächterlymphknoten in der Brustchirurgie der Fall ist, beschränkt man sich darauf. Die Vermutung, dass viel zu viele Lymphknoten entfernt werden, ist falsch.

STANDARD: Wie häufig sind Komplikationen bei der Entnahme?

Gnant: Im Bauchbereich lässt sich durch übertriebenes Vorgehen einiges anstellen. Wir wissen heute, dass supraradikale Lymphknotenchirurgie bei Darmkrebs nichts bringt. Alles möglichst radikal herauszuschneiden wie in den 80er- Jahren hat sich als falsch herausgestellt. Aber nichts tun ist auch falsch.

STANDARD: Wann verzichtet man auf die Lymphknotenentnahme?

Gnant: Bei Magen-, Darm- und Pankreaskarzinom entfernt man heute routinemäßig nur noch organnahe Lymphknoten, weil das zu weniger Komplikationen führt. Bei nicht streuenden Brustkarzinomen lässt man sie überhaupt in Ruhe, weil die Wahrscheinlichkeit, etwas zu übersehen, gering ist.

STANDARD: Entfernen Sie die Lymphknoten vor dem Primärtumor?

Gnant: Wenn möglich, tut man das in einer Operation oft am Ende oder gleichzeitig, es sei denn, das Vorgehen hängt vom Lymphknotenbefall ab. Bei Lebertumoren wissen wir, dass es bei einem ausgedehnten Befall nicht sinnvoll ist, große Resektionen vorzunehmen. Unter Umständen bricht man die Operation dann ab. Aufgrund der Diagnose kann man dem Patient also sinnlose Eingriffe ersparen.

STANDARD: Lehnen Patienten eine Lymphadenektomie ab?

Gnant: Das passiert vielleicht alle zehn Jahre, und ich sehe hunderte Krebspatienten im Jahr. Ich würde immer versuchen, Patienten vom Gegenteil zu überzeugen. (Stefan Löffler, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2009)

Zur Person

Michael Gnant (44) ist Professor für Chirurgie an der Med-Uni Wien.

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