Dreifaltige Göttin der Vernunft

13. Februar 2009, 17:01
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In der Krise erfindet Citroën sich neu. Produktseitige Kernaussage: Wiederbelebung der DS (sprich frz.: Déesse, also Göttin) als eigene Baureihe

Sébastien Loeb von Pariser Kripo als Autodieb geschnappt: Was für ein Skandal um den fünffachen Rallye-Weltmeister aus dem elsässischen Hagenau! Und nicht irgendein Auto: ein Konzeptfahrzeug namens Inside, Vorbote einer neuen Ära bei Citroën, die im Zeichen der Göttin (der Vernunft) stehen soll. Andererseits, selbst schuld, die Franzosen: Hätten sie nicht einst das deutschsprachige Elsass okkupiert, wäre ihnen dieser Eklat vielleicht erspart geblieben.

Spaß beiseite. Damit Sie nicht erschrecken und dem Superstar Ihre Fanschaft aufkündigen: alles Fiktion, alles nur im Film. Das Krimi-Genre wählte Citroën nämlich, um der Welt da draußen zu zeigen, dass man sich mitten in der Krise neu erfindet - und wie man dies zu tun gedenkt. Den Film müssen Sie aber nicht als DVD im Masters-Cut bestellen, sonst würde Kommissar Jules Maigret auch wirklich weinen.

Hier der Rest der im Plot versteckten Botschaft: Logo, Markenauftritt, Markenimage - alles neu. Logo: Gültig ab besagter (Kino-) Pressepräsentation im Lido-Kino an der Avenue des Champs-Élysées, also seit 5. Februar. Was nicht von ungefähr mit André Citroëns Geburtstag (5. 2. 1878) korreliert. Und es wirkt ein bisserl australisch: Der seit 25 Jahren gebräuchliche weiße Doppelwinkel auf Rotgrund weicht einer dreidimensionaleren Gestaltung, die entfernt an zwei Bumerangs erinnert. Vielleicht, um anzudeuten, dass künftig alte und massig neue Kunden immer wieder zu Citroën zurückkehren. Weil die Autos so toll sind. Weil die Schauräume bald unwiderstehlich hübsch sind. Weil die Händler so nett sind. Und, und, und.

Absatztechnisch holt Citroën bereits jetzt die Kastanien für PSA aus dem Feuer: Peugeot schwächelt, doch die Schwestermarke ist gefragt wie nie. Spannendste Aussage an der Fahrzeugfront, damit zurück zu Loeb und dem kriminalfilmischen Corpus Delicti, DS Inside: Das Konzeptfahrzeug ist Vorbote einer neuen Produktlinie. Nicht nur wird das Kürzel der legendären Déesse, also DS, reanimiert. Es wird dies die Typenbezeichnung für drei neue Modelle und so quasi zur Premium-Linie der Firma: DS3, DS4, DS5. 2010 macht DS3 den Auftakt, und wie man am Appetitanreger Inside sieht, wollen die Franzosen unter anderem im Mini-Revier wildern. Zielsetzung: Mit DS soll eine preisgünstige Vernunftalternative zu (deutschen) Premiumanbietern etabliert werden. Vom Konzept ist Marketing-Chef Vincent Besson überzeugt, weil nämlich: "Die Zeit des Immer-Mehr ist vorbei, die Zeit des Immer-Besser bricht an."


Die DS (1955-75), ein genialer Wurf. Mal sehen, ob die drei Neuzeit-DS diesem Anspruch gerecht werden.

DS, das Kürzel steht für Different Spirit. Und die Strategie ist metaphysisch aufgeladen bis zum Anschlag. Déesse, die Göttin. Dreifaltig (DS3, DS4, DS5). Wer statt zu Mercedes und Co zu dieser Alternative greift, lebt Vernunft. Auf den Punkt gebracht: Ein Vivat der dreifaltigen Göttin der Vernunft. Rückblende: Kurz, bevor das große revolutionäre Blutbad in Frankreich (Jakobiner) und Europa (Napoleon) anhob, wurde Notre-Dame in Paris zum Tempel der Vernunft, wobei beim Einweihungsfest eine Schauspielerin die Göttin der Vernunft mimte - so schließt sich auch der Kreis zu heute, zu Loeb im Film.

Zum neopaganen Kult liefert Citroën sogleich das passende Credo: "Wir glauben an das Automobil." "... das allmächtige" fehlt noch. Wie wird der Papst auf das Unternehmen "Dreifaltige Göttin" reagieren, auf diese feministisch-materialistische Antithese zum Christentum? So jedenfalls soll der Ritus ablaufen: Zum Schutz vor dunklen Krisenmächten opfere man den Mammon (Geld) auf der Göttin Altar. Andere Götter solle man nicht haben, vor allem aber keinen Glauben schenken dem Sterndeuter (Mercedes), dem magischen Herrn der vier Ringe (Audi) und schon gar nicht dem Prediger weißblauer Mysterien (BMW). Autokauf als Religion, weit haben wir's gebracht.

Ob das Kalkül aufgeht? Nun, allein schon für den Mut, die Krise offensiv zu kontern, gebührt Citroën Loeb. Pardon: Lob. (Andreas Stockinger/DER STANDARD/Automobil/13.02.2009)

 

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  • Und so sieht er aus, der erste Vorbote auf das glorreiche DS-Zeitalter: DS Inside, Konzeptfahrzeug. Serienversion kommt 2010. Lehnt sich formal an Mini an, soll aber günstiger in der Anschaffung sein. Zwei weitere DS werden folgen.
    foto: werk

    Und so sieht er aus, der erste Vorbote auf das glorreiche DS-Zeitalter: DS Inside, Konzeptfahrzeug. Serienversion kommt 2010. Lehnt sich formal an Mini an, soll aber günstiger in der Anschaffung sein. Zwei weitere DS werden folgen.

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    Haltet den „Dieb"! Sébastien Loeb hat die neue Göttin "geklaut".

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