Blutgruppen-Hysterie über Japan

13. Februar 2009, 13:07
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Persönlichkeit sei vom Bluttyp abhängig - Psychologe: "Das ist schlicht Scheinwissenschaft" und vergleichbar mit Rassismus

Tokio - A, B, AB oder 0? In Japan dominiert die Frage nach der Blutgruppe derzeit alle Lebensbereiche. Sogar bei Bewerbungsgesprächen wird verstärkt danach gefragt Kontaktbörsen achten bei der Partnervermittlung auf kompatible Blutgruppen, und Unternehmen machen das Einsatzgebiet ihrer Angestellten vom jeweiligen Typus abhängig. Viele Japaner sind davon überzeugt, dass sich von der Blutgruppe Details zur Persönlichkeit ableiten lassen. Im vergangenen Jahr erklärten vier der zehn meistverkauften Bücher ihren Lesern, was die Blutgruppe eines Menschen über seinen Charakter verrät. Insgesamt verkaufte die Serie - mit jeweils einem Band für die Gruppen A, B, AB und 0 - über fünf Millionen Exemplare.

Selbstbestätigung

Taku Kabeya, Geschäftsführer des Verlags Bungeisha, vermutet, dass die Leser ihr Selbstbild bestätigen, wenn sie bestimmte Charakterzüge von sich selbst oder von anderen bei der Lektüre wiedererkennen. Demnach seien Menschen mit Blutgruppe A empfindsame Perfektionisten, allerdings etwas ängstlich. Typ B tendiere zur Frohnatur, sei aber gleichzeitig exzentrisch und egoistisch. Blut der Gruppe 0 mache neugierig und großzügig, aber stur. Und AB-Träger seien geheimnisvoll und unberechenbar.

Bedenkliche Hysterie


Die Hysterie nimmt aber zunehmend bedenkliche Formen an. Schon ist die Rede von "Bura Hara", der Blutgruppen-Gängelung. Das Arbeits- und Gesundheitsministerium spricht von Diskriminierung. Die Wurzeln der japanischen Blutbegeisterung lassen sich in die 1930er Jahre zurückverfolgen. Damals übernahm die japanische Militärregierung die Rassenideologie der Nationalsozialisten mit dem Ziel, bessere Soldaten zu züchten. Das Projekt scheiterte, der Spuk schien vorbei.

Eine Renaissance erlebte die Idee in den 70er Jahren, als der Journalist Masahiko Nomi in seinen Büchern die Blutgruppen mit bestimmten Persönlichkeitstypen verband. Nach dem Tod des Autors trat sein Sohn Toshitaka in die Fußstapfen. Er betreibt unter wissenschaftlichem Deckmäntelchen das Unternehmen Human Science AB0 Center. Es gehe nicht darum, Menschen einzuordnen, sondern darum, das eigene Talent zu fördern, so Nomi.

"Wie Rassismus"

Wissenschaftlich ist die Hysterie natürlich nicht haltbar: Die Blutgruppe beruhe auf Proteinen und habe nichts mit der Persönlichkeit zu tun, betont der Psychologe Satoru Kikuchi von der Universität Shinshu. "Das ist schlicht Scheinwissenschaft", sagt er. Die Idee ermutige dazu, andere nach ihrem Blut zu beurteilen, ohne zu verstehen, dass es sich um Menschen handle - und das sei rassistisch. (AP/red)

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    Menschen nach ihrer Blutgruppe einzuteilen ist ein bedenklicher Trend in Japan

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