"Wir können uns einiges erlauben"

13. Februar 2009, 13:06
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Meinhard-Schiebel, Chefin der Grünen SeniorInnen, über Ängste in ihrer Partei und Ältere, die in "Seniorenclubs gettoisiert werden"


derStandard.at: Wie kommt man zu den Grünen SeniorInnen?

Meinhard-Schiebel: Oft durch Zufall oder weil einen irgendein bestimmtes Thema interessiert. Manche kommen auch, weil sie nicht genau wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Die Jüngste in unserer Runde war 25.

derStandard.at: Welche Rolle spielen die Senioren bei den Grünen?

Meinhard-Schiebel: Wir haben uns mühsam eine Rolle innerhalb der Partei erkämpft. Die Grünen SeniorInnen sind mittlerweile auch als Delegierte in einzelnen Gremien vertreten. Wir werden öfters nicht gefragt, bringen uns aber trotzdem ein.

derStandard.at: Auf Ihrer Website sind markige Sprüche nachzulesen. Sie bezeichnen sich auch als die "Grünen SeniorInnen extrascharf". Sind die SeniorInnen mutiger als die Jüngeren?

Meinhard-Schiebel: Die Jüngeren positionieren sich anders. Wir haben das Gefühl, wir können uns einiges erlauben, weil man uns nichts mehr tun kann. Wir sind freier. Es ist ein Unterschied ob ich eine Karriere machen will - dann muss man mit manchen Dingen vielleicht leben. Wir sagen ganz einfach, was uns stört.

derStandard.at: Zum Thema Älterwerden hört man von der Grünen Mainstream-Politik relativ wenig...

Meinhard-Schiebel: Gerade bei den Grünen ist älter werden ein Tabuthema erster Klasse. Bei uns sitzen Leute nicht schon seit 30, 40 Jahren in den Gremien herum, so lange gibt es die Grünen ja noch nicht. Das Durchschnittsalter ist 40, 45. Mit dem Altern setzen sie sich nicht auseinander. Sie fürchten sich. Zum Themenengebiet Alter politische Forderung zu erhaben, macht persönlich Ängste.

derStandard.at: Die Grüne Landtagsabgeordnete Marie Ringler meint in ihrem Blog in Bezug auf die Causa Voggenhuber, bei den Grünen müsse ein Generationenwechsel her. Werden Ältere bei den Grünen auf das Abstellgleis gestellt?

Meinhard-Schiebel: Nein, ich glaube nicht, dass das am Alter festgemacht wird, sondern an Funktionsperioden. Ich habe noch nicht erlebt, dass irgendwer etwas nicht geworden ist, weil er zu alt ist. Mein Alter war jedenfalls noch nie ein Problem.

derStandard.at: Wird das Generationenthema in der Politik ausreichend behandelt?

Meinhard-Schiebel: Das Thema ist noch nicht so virulent, aber ich denke, dass das ein politischer Spielball werden kann, der ganz gefährlich ist. Man kann Junge gegen Alte ausspielen. Allerdings muss man damit rechnen, dass es eine immer größere Gruppe von Menschen gibt, die sich dagegen wehrt. Ich denke, die Rechnung, eine Generationenkonflikt heraufzubeschwören, wird nicht aufgehen. Die Gefahr besteht jedoch. Die Älteren werden sich dann solidarisieren müssen, wenn die Not zu groß wird.

derStandard.at: Pensionisten gehen meistens dann demonstrieren, wenn die Pensionsanpassung nicht als ausreichend empfunden wird. Muss man nicht ein bisschen größer denken?

Meinhard-Schiebel: Das ist viel zu kurz gegriffen. Es geht um Umverteilung. Der Einzelkampf bringt niemanden etwas. Es müsste etwas wie eine Volkspension geben, die das Überleben sichert.

derStandard.at: Generationenvertrag und Umverteilung sind ja auch ein wichtiges Themen für die Jungen. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den jungen Grünen?

Meinhard-Schiebel: Für uns heißt Generationenvertrag, dass ältere und jüngere Menschen gemeinsam dafür sorgen, dass der Staat sich nicht aus der Verantwortung stielt. Wir haben ja zum Großteil unserer gesicherten Pensionen, aber die nächsten Generationen haben sie nicht. Wir setzen uns dafür ein, dass die nächsten Generationen noch eine Pensionssicherung haben, die ihnen eine Überleben gesichert. Es geht nicht um uns.

derStandard.at: Kritisieren Sie also auch die Seniorenorganisationen der anderen Parteien?

Meinhard-Schiebel: Ich habe schon immer wieder das Gefühl, dass man versucht, die Leute mit Zuckerl zu fangen. Die Senioren sind ja auch eine große Zielgruppe für die Wahlen. Mit Versprechungen wird diese Generation möglichst ruhig gehalten. In den Seniorenclubs werden die Älteren gettoisiert.

derStandard.at:Würden Sie sich gerne mit den anderen Seniorenorganisationen besser vernetzen?

Meinhard-Schiebel: Ja natürlich, ich will ja keinen grünen Freizeitverein. Ich wünsche mir auf der Ebene der Altenpolitik eine neue Kultur.

derStandard.at: Was stört sie am meisten im Umgang der Gesellschaft mit dem Alter.

Meinhard-Schiebel: Bei den Grünen andersrum nennen sich mich Silberlesbe. Ich habe weiße Haare, das finde ich lustig und nicht als Diskriminierung. Aber das Bild vom Alter - man ist eigentlich nichts mehr wert und den ganzen Schmäh mit der Würde des Alters kann ich nicht mehr hören. „Gewürdigt" zu werden, empfinde ich als Diskriminierung. Weil es ein in die Ecke Stellen ist und zur Untätigkeit verdammt. Alt zu werden ist außerdem kein Verdienst.

derStandard.at: Was sagen Sie dazu, wie die Pflegedebatte geführt wird?

Meinhard-Schiebel: Es ist in Wirklichkeit eine Katastrophe, wie diese Debatte geführt wird. Es ist wichtig, das darüber geredet wird, aber man sagt nie, wie viele Menschen wirklich gepflegt werden müssen und wie viel dafür aufgewandt werden muss. In Wahrheit ist das ein kleiner Prozentsatz und es wird ja auch die Pharmaindustrie und die Medizin bedient. Mit fortschreitender Lebenserwartung wird sich das Problem verschärfen. Es ist nicht nur eine Frage der Ressourcen. Es geht auch um die Frage: Welches Bild haben wir von den Menschen. Warum sollen immer automatisch die Töchter die Pflege übernehmen. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 13. Feber 2009)

 

Zur Person

Birgit Meinhard-Schiebel, geboren 1946, ist Vorsitzende der Initiative Grüner SeniorInnen Wien (IGS) - Delegierte European Network Green Seniors (ENGS). Die Grünen SenioreInnen gibt es seit elf Jahren.

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