Trifft sich doch gut

15. Februar 2009, 20:10
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Für Pyeongchang braucht man ein Flugticket, für Erpfendorf nur einen Parkschein. Auch sonst ist beim Biathlon-Kurs in Tirol vieles einfacher als bei der laufenden WM in Südkorea

Wer in Gegenwart von Günther Werth ein Auge zudrückt, verkrampft nach drei Sekunden die Gesichtsmuskulatur. Nach rund zwölf Sekunden hat sich diese Verkrampfung bereits über den Hals in die Schultermuskulatur fortgesetzt. Nach dem "Plopp" macht es dann garantiert nicht "Klonk" - der erste Schuss ging daneben.

"Das wird schon. Das braucht Zeit", tröstet der Langlauftrainer. Es sei normal, dass jemand beim Zielen zuerst einmal gar nichts sieht. Wer beide Augen offen hat - so sollte es eigentlich sein -, bekäme das Ziel im Diopter nämlich nie ins Visier. Und wer hier auch noch "Kimme und Korn" sagt, outet sich zudem als Biathlon-Nackerbatzel.

Günther Werth nimmt in solchen Fällen ein ganz besonderes Stück Papier zur Hand und schiebt es dem verzweifelnden "Athleten" hinter die Sonnenbrille vors linke Auge. Biathleten sind höfliche Menschen, lernt man: Denn ein Kurzparkschein hinter der Brille schaut eigentlich blöd aus, aber keiner der Mitstreiter auf den anderen Matten im Schnee kommentiert den effizienten Kunstgriff. Das Gewehr macht "Plopp" - die Blechscheibe beim Umkippen "Klonk". Noch mal: Plopp-Klonk. Plopp-Klonk. Lauter Treffer. Jubel!

"Blöd ausschauen" ist auf Günther Werths Biathlon-Schnupperparcours in Erpfendorf (nahe Kitzbühel) aber sowieso kein Kriterium: Bereits seit sechs Jahren lädt der Langlauftrainer hier zu "Biathlon für jedermann". Herr Jedermann sieht im Langlaufdress nicht immer wie ein Spitzenathlet aus. Aber darum, erklärt der 55-Jährige, der seit 30 Jahren Langlauftrainer ist, gehe es auch nicht: Die Faszination der Kombination aus Langlauf und Präzisionsschießen erfasse irgendwann jeden nordischen Hobbysportler. Bloß: Wo kann ein Normalsterblicher schon auf Scheiben ballern und hat dabei eine gute Loipe und den Ausbildner in Griffweite? Eben.

Welt mit kleineren Scheiben

Freilich: Zu 100 Prozent authentisch ist die Biathlonanlage in Erpfendorf nicht. Aus Kosten- und Sicherheitsgründen schießt man statt mit Kleinkaliber- mit Luftdruckgewehren. Und das Ziel ist statt 50 bloß zehn Meter vom Schützen entfernt. Allerdings sind die Scheiben fünfmal kleiner als im Wettkampf: Da müsste man im Stehen fünf elf Zentimeter große Ziele treffen. Im Liegen wären sie nicht einmal halb so groß.

Da die Verhältnisse aber stimmen (und die Diopter aus dem Profi-Sport sind), bestätigen Experten, dass das Schießen hier etwa gleich schwierig ist - im Stehen. Im Liegen macht es Werth den Gästen leichter: "Die kleinen Scheiben treffen nicht einmal gute Schützen." Da Schnupper-Biathlon aber "Spaß machen und nicht frustrieren soll, nehmen wir auch hier Scheiben für den Schuss aus dem Stand."

Schließlich hat ein Fehlschuss Folgen: Strafrunden. Und die sind nicht auf ein Fünftel des "Echtwertes" gekürzt. Wer dann mit hämmerndem Puls auf der Matte steht oder liegt, sieht jeden Pulsschlag: Ein Ziel, das 150-mal pro Minute aus dem Visier springen will, trifft man nicht auf Anhieb.

Wie es Biathleten im Wettkampf schaffen, nach - mindestens zwei Kilometer - langen Runden im Renntempo überhaupt zu treffen, fasziniert nicht nur die Langläufer auf dem Schnupperplatz: Zu den vom Tourismusverband Erpfendorf unterstützten Schnuppertagen (immer dienstags) kommen mitunter auch Schneeschuhgeher oder sogar Fußgänger, die ihre Strafrunden dann eben neben der Loipe laufend absolvieren. Darüber freut sich der Langlauftrainer ebenso wie über das zuletzt "massiv ansteigende" Interesse der regulären Langlauf-Szene. Zuzuschreiben ist es trotz jüngsten (kaum öffentlich gemachten) österreichischen Erfolge wohl eher der deutschen TV-Begeisterung für Biathlon-Bewerbe. Ob die sich dann zuerst mit oder ohne Parkschein hinter der Brille einstellen, findet Günther Werth, "ist doch wirklich zweitrangig." (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 14./15.2.2009)

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    Leider sehr authentisch am Biathlon-Schnuppern in Erpfendorf: Strafrunden nach Fehlschüssen sind gleich lang wie im Profisport.

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