Blinde Seher oder Warum die Kultur im TV keinen Auftrag hat

9. März 2003, 19:31
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Vom Wesen des Fernsehens und dem Unbehagen der Kulturschaffenden an der angeblichen "Kunstverabschiedung des ORF" - ein Kommentar der anderen von Karl Weidinger

Television bedeutet in die Ferne zu schauen. Doch was gibt's schon in der geflügelten Sprichwortferne zu erspähen? Kaum was anderes als in der Nähe. Kein griechisches Drama von Sophokles, eher Bauernsalat mit Oliven aus dem "SokratEss" (falls es ein Lokal solchen Namens gibt). Keine italienische Reise von Goethe, nur eine blutige Soap-Opera übelster Mafiaclan-Gotha. Keine französische Novelle Cuisine à la Bocuse - eher "zärtliche Cousinen" nach biederem Brust-oder-Lende-Rezept `a la Schulmädchenart aus der Küche eines kochenden Kitschonkels namens Hamilton. Und das ist nicht erst heute oder seit Elizabeth T. Spiras "Alltagsgeschichten"-Doku über die Großfeldsiedlung so.

Zur Zeit unserer Eltern und Großeltern haben die Jäger noch gejagt, die Sammler noch gesammelt, die Köche noch gekocht und noch alle mit-oder gegeneinander regelmäßig Krieg geführt. Deswegen war der Konflikt - laut Heraklid der Vater aller Dinge - noch näher/alltäglicher/tauglicher. Das soll kein Herbeisehnen schlechter Zeiten sein. Denn die kommen laut "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" ohnehin schneller, als uns lieb ist, und irgendein Krieg ist immer irgendwo im Bush ...

Zur Friedenszeit gehört die wachsende Freizeit dazu. Seit es den ebenfalls mitwachsenden Freizeitstress gibt, geht manches drunter und drüber - und auch ab. Das Freizeitangebot muss sowohl Event wie auch Avantgarde sein. Avantgarde - ein friedlich-harmloses Wort aus der Kriegsführung - heißt "die Spitze" oder "die Vorhut". Neuerdings gibt es sogar schon eine "Eventgarde" - und fast alle sind der Meinung, das sei erst die Vorhut und sowieso "Spitze!".

Was hat die Kunst ...

Der Verwertungsdruck im Verwurstungskessel der Banalitäten steigt unaufhörlich. Immer neue Provokationen müssen her. Ist, was früher Aktionismus war, heute das Kabelfernsehen als solches? Denn in den Museen spielt ja auch Jeff Koons mit Cicciolina wie schon ähnlich zuvor aus der Ferne gesehen in der Late-Night-Erotikleiste. Auf den öffentlichen Räumen tummeln sich Behübscher. Jugendwahn statt Jugendstil. Und der Tag ist nicht mehr fern, an dem die Siegertypen einer Casting-oder Taxishow ein gutes öffentliches Stück "Kunstwerk" schaffen.

Dabei ist das Fernsehen als solches sich immer selbst treu und nur das geblieben, was es immer schon war: Unterhaltung pur - die Affirmation des Massengeschmacks. Heute müssen Promis für alles einstehen - und tun es auch. Mit anderen Worten: permanent präsent sein - also angesehen! Der Kolumnist Max Goldt ersann in seinem jüngsten Ironie-Werk eine metaphorische "Kommentarwichsmaschine", wonach Promis immer einen Zettel neben dem Telefon liegen hätten - falls ein Medium plötzlich nach einem jähen Statement dürstete.

Doch ganz so heiß wird die Luft nicht gegessen. Nicht jeder Dung geht auch auf Sendung. Und nicht alles, was in den Kanälen fließt, ist Abschaum - und schon gar nicht Kultur. Denn der bessere Staatskünstler ist sowieso der Bauer, der staatlich subventioniert mit Förderquote über 40 Prozent - von der Allgemeinheit unbeanstandet - gar garstige Fäkalien über die heimatliche Scholle verteilt und somit unser aller Nährboden besudelt.

Ist das schon die Strategie oder nur Taktik? Info ist die verkürzte Wiedergabe einer Information. Verknappt, aerodynamisiert, aufbereitet wie radioaktiver Müll und im Fernsehen zur Ausstrahlung angereichert. Doch es wäre vermessen, (wie der angesehene Literat Josef Haslinger) einen Kulturauftrag ins Fernsehen als solches hineinzuinterpretieren oder gar einzufordern. Früher hat ja auch niemand verlangt, auf Jahrmärkten etwa Opern zu inszenieren oder in der Arena der römischen Hochkultur statt primitiver Gladiatorenkämpfe hoch philosophische Diskurse abzuhalten.

... im TV verloren?

Unterhaltung und Entertainment haben selten mit Kunst und Kultur zu tun. Wer das fordert, hat etwas missverstanden (wie die basisdemokratischen Ströme in der katholischen Kirche - denn Kirche als solches kann wie TV nur dogmatisch/hierarchisch funktionieren!). Und dafür muss man das Fernsehen als solches loben, weil es die eigene Latte wie die eigenen Motive niedrig hält. Erst das schafft den Freiraum Kunst auf der Spielwiese der Kultur, auch wenn das Betätigungsfeld abseitig liegen muss. TV hat das Buch nicht verdrängt - ganz im Gegenteil. Das Fernsehen als solches macht täg-/stünd-/ minütlich gute Werbung fürs Lesen. Überlegende Benützer wie überlegene Book-User wissen auch so, wo es entlang der Zeile geht - da kann das Fernsehen als solches sich selber noch so viel feiern. Der Ausdruck des Marktschreiens gehört dazu. Denn Fernsehen ist Jahrmarkt, hat die Bassena zum Tratschen abgelöst und vollwertig ersetzt.

Der Jahrmarkt der Eitelkeiten ist der Platz der Gaukler. Wie auch dereinst beim "starken August, dem stärksten Mann der Welt" darf man sich unerschrocken in den (Talk-)Ring wagen. Weil dieser Vorgang einer Mehrheit weitaus kompatibler ist, als bei "Carmen" mitzusingen oder in den "Ring der Nibelungen" einzusteigen. Und Fernsehen als solches sieht sich als das Mitmachen bei einer Hetz, versteht sich als das Darüberreden im Wirtshaus und kann manchmal auch als Nischenprodukt der Poetry-Slam im Eventzelt sein.

Dennoch ist das Mitgrölen am Richtplatz mehr angesagt, denn TV muss immer der letzte Schrei am Stehplatz beim Unterklasse-Fußball bleiben. Aus diesen "Gebärmuttern" hat sich das Fernsehen als solches Kind geboren. Und wird sich auch weiterhin so gebärden. Auf schlimmer und ewig! (DER STANDARD, Printausgabe vom 10.3.2003)

Der Autor ist freier Schriftsteller in Wien; zuletzt erschienen: "kaweis Postreport - Der Missbrauch des aufrechten Ganges" (Uhudla Edition).
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