Der Missionar und sein Kreuzzug

10. März 2003, 09:35
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Premier Blair bläst eine steife Brise ins Gesicht: Seine Partei droht zu meutern, im Kabinett wächst Widerspruch, Berater treten zurück - Mit Grafik

Das Neueste aus den Sankt-Albion-Pfarrgemeindenachrichten: "Warum müssen wir alle zusammenstehen im großen Kreuzzug gegen das Böse?", ruft der Pfarrer und antwortet selbst. "Erstens, weil ich es sage. Zweitens, weil ich Recht habe." Der Kirchenmann hört auf den Namen A. R. P. Blair, und die "St. Albion Parish News" sind reine Fiktion. Alle zwei Wochen hält das Satiremagazin Private Eye in der Kolumne dem britischen Premierminister den Spiegel vors Gesicht.

"Weil ich Recht habe", das ist tatsächlich die Grundmelodie, die Tony Blair in der Irakkrise anschlägt. Im Predigerton verteidigt er seinen harten Kurs. Wenn Saddam Hussein nicht freiwillig abrüste und "wir nicht handeln, was dann?", rief er im Unterhaus. Wie der Reverend in St. Albion gab Blair die Antwort gleich selbst. "Saddam obenauf. Seine Massenvernichtungswaffen intakt. Der Wille der Welt ignoriert. Die UNO ausgetrickst. Glaubt jemand allen Ernstes, dass das Frieden bedeutet?"

Für Blair ist die Sache im Grunde entschieden. Als Taktiker drängte er George W. Bush, vor einem Militärschlag um die Zustimmung der UNO zu werben. Er hatte die Idee, Saddam ein Ultimatum bis 17. März zu stellen: Bagdad soll noch eine "allerletzte" Chance erhalten.

Als Stratege aber ist der konservativste Labour-Chef aller Zeiten bereit, an der Seite des US-Präsidenten in den Krieg zu ziehen. Daheim verspotten sie ihn deshalb als Abgeordneten von Texas-Nord. Auch Nelson Mandela, der für viele das Gewissen der Welt verkörpert wie kein Zweiter, las Blair die Leviten: Der Mann spiele den US-Außenminister.

"Natürlich wäre die Erde ein besserer Platz ohne Saddam. Doch nach einem Krieg liegen sich die westliche und die islamische Welt auf Jahre hinaus in den Haaren." Das, sagt George Michael, sei das große Ganze, das Mister Blair nicht sehen wolle. Der Rocksänger und Star der Friedensbewegung spricht aus, was viele Engländer denken. Umfragen zufolge billigen nur neun Prozent einen US-UK-Alleingang.

Ehrlich meinen

Der Premier nimmt die skeptische Stimmung zwar wahr, doch er hält unbeeindruckt dagegen. "Die Friedensdemonstranten meinen es ehrlich. Ehrlich meine ich es auch." Ein typisches Blair-Zitat. Der Jurist mit Oxford-Diplom argumentiert nicht mehr nur mit Saddams Raketen, sondern mit der Bösartigkeit des Despoten: Es sei nur menschlich, die Wiege der Zivilisation von ihm zu befreien.

Er wisse, der Irak werde der schwierigste Test seiner Laufbahn, erklärte der einstige Sonnyboy öffentlich. Nicht öffentlich will der Guardian sogar trotziges Raunen vernommen haben: "Wenn sie mich rauswerfen, werfen sie mich eben raus" - gemeint sind die Wähler.

Allerdings stehen die nächste Parlamentswahlen frühestens in zwei Jahren an. Sein schärfster Rivale im eigenen Haus, Schatzkanzler Gordon Brown, hält strikt eine Art Burgfrieden in Krisenzeiten ein. Die Konservativen, nominell die stärkste Oppositionskraft, streiten sich gerade darüber, ob ihr blasser Vorsitzender Iain Duncan Smith abtreten soll. Einen Waffengang tragen sie vorbehaltlos mit.

Der heftigste Widerspruch regt sich in der Labourpartei, die das House of Commons mit 411 von 659 Sitzen dominiert. Erst im Februar stimmten 122 Labour-Parlamentarier gegen die Irakpolitik ihres eigenen Premiers. Im Falle eines Krieges, so die Sunday Times, könnten 200 Labour-Abgeordnete den Aufstand wagen, einer trat bereits zurück. Zehn Minister spielen angeblich mit Rücktrittsgedanken.

Dennoch macht Blair nicht den Eindruck eines Verzweifelten, obwohl der 50-Jährige sichtlich gealtert ist. Im TV erleben die Engländer einen selbstsicheren Regierungschef. "Am Ende habe ich die Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie unpopulär sind. Dazu hat man mich schließlich gewählt." (DER STANDARD, Printausgabe, 10.3.2003)

Von Frank Herrmann aus London
  • Mit großer Ausdauer verteidigt Großbritanniens Premierminister Tony Blair sein Vorgehen gegen den Irak und wird deshalb als "Abgeordneter von Nordtexas" verspottet.
    foto: epa/afpi/ joyce naltchayan

    Mit großer Ausdauer verteidigt Großbritanniens Premierminister Tony Blair sein Vorgehen gegen den Irak und wird deshalb als "Abgeordneter von Nordtexas" verspottet.

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