Brennwert ist gleich Menschenwürde

12. Februar 2009, 20:57
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Bravourös: Werner Schwabs "Schwitzkastenschwank" "Eskalation ordinär" im Wiener Ensembletheater am Petersplatz

Wien - Nichts sprach für eine triumphale Wiederkehr des dramatischen Radikalsprachkünstlers Werner Schwab (1958-1994) auf einer Wiener Mittelbühne. Notabene im Ensembletheater am Petersplatz, wo das Wachbewusstsein kritischer, linker Zeitgenossenschaft zuletzt in den sanften Dämmer einer betont risikolosen Traditionspflege gewiegt wurde.

Doch jetzt sendet ausgerechnet Peter Gruber, als Regisseur und Nestroy-Laienspielleiter ein ehrbarer Holzschneidekünstler, mit dem "Schwitzkastenschwank" Eskalation ordinär ein grandioses Schwab-Überlebenszeichen in den verfinsterten Konjunkturhimmel.

Schwabs Volksstück in "sieben Affekten" ist das Symptom einer Krise, die 1995, also lange vor allen Bankkrächen, das Humankapital zu einer Zeit entsorgte, als zwar noch nicht das Wort vom "Prekariat" umging, aber die geringfügig oder gar nicht mehr Beschäftigten bereits in die Randzonen einer sinnvollen Lebensbewältigung entlassen wurden. Der gewesene Sparkassenangestellte Helmut Brennwert (Helmut Schuster) ist das Produkt einer Enteignung, die mit der Entziehung des Arbeitsplatzes die Würde des Menschen gleich mit in den Orkus befördert.

Da wir aber von einem Schwab-Text sprechen, findet die Deklassierung des armen Brennwert in keiner rekonstruierbaren "Arbeitswelt" statt. Sie ist Teil eines sprachlichen Verschrottungsprozesses, der die Figuren in steilen Satzwellen mit sich fortreißt. Wünscht Brennwert am Würstelstand unter einer Nirosta-Klappe (Bühne: Alexandre Collon) etwas Würze für sein Brühprodukt, so fordert er mehr Senf "auf ihn hinauf". Die Pronomen fliegen diesen armen Nachfahren Horváths wie Schrapnelle um die Ohren.

Zugleich drohen diese Abgebauten, kurzerhand in die Literatur Ausgelagerten an ihrem eigenen, extrem umständlichen Kanzleideutsch zu ersticken. Grubers Schauspielern gelingt ein Kunststück: Obwohl sie ihre dialektale Erdung nicht leugnen, heben sie den Schwank über alles Naheliegende hinaus. Sie hetzen ihre zwischen Sparkasse und Zeitungskiosk hingerotzten Figuren in Ausbrüche hinein - und zieren das von den anonymen Mächten der Wirtschaft ausgewrungene Menschenpersonal mit einer auf kleiner Flamme siedenden Bösartigkeit.

Der Wiener Asphalt glüht unter ihren Füßen. Also reißt der Sparkassenfilialleiter (Oliver Baier) den bornierten Kopf nur umso höher; bohrt seine höhnenden Sätze wie Häkelnadeln in den unförmigen Leib des armen Brennwert hinein. Dieser absolviert die klassische Deklassierungskarriere: Wird getreten, muss aus dem Hundeblechnapf saufen - und übergießt sich endlich mit Schnaps zum Zweck der Selbstentzündung. Ein wunderbar gespielter Theateralbtraum - der nach der Premiere am Mittwoch von der MA 11 mit einem Jugendverbot belegt wurde. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2009)

 

  • Artikelbild
    foto: ensemble theater am petersplatz © herbert neubauer
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