Die zwei Geigengesichter der Anne-Sophie Mutter

12. Februar 2009, 20:39
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Ein Mitglied des Klassikjetset hat ein Faible für die Moderne, Sofia Gubaidulinas 2. Violinkonzert profitiert davon

Gute Geiger kommen und gehen - doch Anne-Sophie Mutter bleibt. Sie ist die krisenresistente Klassikaktie schlechthin, seit jeher gut aufgehoben bei der Firma Deutsche Grammophon. Mit einer derartigen Position, angebahnt schon in jener fernen Zeit, da sie Mentor Herbert von Karajan als junges Wundermädchen in die Szene eingeführt hat, lässt sich denn auch einiges bewegen. Zuerst am breiten Markt, für den nimmt Mutter schon einmal die flockige Carmen-Fantasie auf und landet in den Hitparaden. Und wiewohl ihre technische Tadellosigkeit auch ein zweifelhafter Segen ist, wenn es um manche Werke geht, auch wenn sie bisweilen zu kontrolliert wirkt und gerne auf der süffigen vibratoseligen Deutungsseite der Werke landet, es bleibt ihr Geschäft immer profitabel.

Die Dame hat jedoch zwei Musikgesichter. Das sympathischste zeigt sie, die an sich nicht gerade als pflegeleicht gilt, wenn sie sich um die Moderne kümmert. Was sich auch herumgesprochen hat: "Ich bekomme Berge von Material, höre mir das einige Male im Jahr an, schicke aber vieles zurück - manches ist zu experimentell für mein Geigenverständnis", erzählte sie einmal. Mittlerweile hat sich allerdings doch eine schöne Menge an für sie geschriebenen Werken angesammelt; auf der Liste der "Werklieferanten" finden sich auch Wolfgang Rihm und Krzysztof Penderecki.

Letzterer ist Mutter wohl in besonderer Erinnerung geblieben, er schrieb für sie eine Neuheit, aber "da ist es eben passiert, dass ich die Uraufführung verschieben musste; Penderecki hat die letzten Seiten seiner Sonate zu kurzfristig geschickt."

Sofia Gubaidulina nun veröffentlichtes 2. Violinkonzert hat Mutter eher in anderer Hinsicht aufgewühlt. Sie habe, so Mutter, schon einiges an Erfahrungen gemacht - aber dieses Werk habe sie "wie noch nie gefühlsmäßig auf Trab gehalten. Es steckt eine hohe emotionale Dichte drin." Auf der CD (bei Deutsche Grammophon/Universal erschienen) ist die Neuheit gekoppelt mit Werken von Johann Sebastian Bach, was an sich nicht frei von Logik ist. Die tatarisch-russische Komponistin hat tatsächlich ein inspiratives Verhältnis zum barocken Meister. Zudem ist der Glaube eine Triebfeder ihres Schreibens - wie bei Bach. Gubaidulina gibt die "Wortrosen" zurück an Mutter: "Sie hat ein wunderbares Verständnis für Form und Bedeutung. Ich war bewegt von ihrer Sensibilität. Das ganze Werk ist perfekt gespielt."

Man muss nicht widersprechen. Das Zerbrechliche, Winselnde und das Zögerliche versöhnt sich hier mit dem kraftvoll Ausbrechenden. Die Vielfalt an Toncharaktären, die es zu erwecken gilt, der ewige Monolog der Geige - all das hält die Solistin in Dauerspannung einer komplexen Kantilene. Die gespannte Unruhe und die sanften Umwehungen der Geigentöne, welche das London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev produziert, entladen sich bisweilen robust und percussiv. Kurzum: Hier wird ein Stil brillant zum Leben erweckt, den der verstorbene Komponist Luigi Nono einst so beschrieb: "Mit zu bewundernder innerer Kraft blüht, explodiert und trifft diese Musik." (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2009)

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    Führt ein luxuriöses Klassikleben, kümmert sich aber auch um die "arme" Moderne - Anne-Sophie Mutter.

     

     

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