"Die Emotionen sind am Siedepunkt"

12. Februar 2009, 19:16
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Hans-Ferdinand Angel, Dekan der Grazer Theologie, erwartet eine ernste Kirchenkrise - Für rechte Kirchenkreise sieht er einen Aufwind

STANDARD: Die Kirchenaustritte nehmen in ganz Österreich zu. Werden Pius-Bruderschaft und die Besetzung des Linzer Weihbischofs zu einer Kirchenkrise führen wie 1995 die Affäre um Kardinal Groër?

Angel: Auszuschließen ist es nicht. Auch hier ist es die Reaktion von Christen, die sich bisher in der Kirche zu Hause fühlten. Jetzt haben sie das Gefühl, das Fass ist amÜberlaufen.

STANDARD: Wie erleben Sie diese Krise im Institutsalltag?

Angel: Wo immer ich derzeit hinkomme, werde ich darauf angesprochen. Der Holocaust-Leugner Richard Williamson hat die Emotionen zum Siedepunkt gebracht. Der nächste Schritt war das Thema Pius-Bruderschaft, die bis vor wenigen Wochen den meisten nichts gesagt hat. In Österreich kam die Ernennung Wagners dazu. Aber das hängt nicht zusammen.

STANDARD: Die Ansichten der Pius-Bruderschaft sind Gerhard Maria Wagner aber nicht fremd.

Angel: Ich habe von diesem Pfarrer bis vor kurzem gar nichts gehört, deswegen wäre es vermessen von mir zu sagen, wessen Geistes Kind er ist. Aber es gibt eine Grundströmung innerhalb der katholischen Kirche, die an der Auffassung festhält, die vor 50 oder 60 Jahren bestand und beim Zweiten Vatikanischen Konzil neu positioniert wurde. Eine zentrale Frage war es immer, wie man bewahren kann, was direkt vom ursprünglichen Wort Christi oder von noch früher, aus der jüdischen Tradition, kommt. Die Öffnung gegenüber dem Kirchenvolk, dem Volk Gottes, war für diese Gruppierung eine Bedrohung. Sie hatte Angst, den Glauben zu verlieren. Doch es ist problematisch, wenn Angst regiert und nicht die Freiheit des Evangeliums.

STANDARD: Kürzlich regte eine Dissertation auf, wonach ein Gutteil islamischer Religionslehrer antidemokratisch sei. Lefebvre hat in einer Predigt von Prinzipien der "verdorbenen Gesellschaft" gesprochen, darunter Menschenrechte, Religionsfreiheit und "die antichristliche Demokratie" . Wie hält es die besagte Strömung mit Demokratie?

Angel: Als sich Demokratien entwickelten, glaubte die Kirche, das sei der Zusammenbruch der Religion und der Ausbruch von Chaos. Eine Sichtweise, die die Kirche mühevoll korrigiert hat. Rechte Gruppierungen der Kirche sehen das wie vor 150 Jahren, was zu einer aggressiven Selbstverteidigung führt. Diese Gruppen bekommen jetzt Aufwind. Man sieht im Außen den Feind, seien es Muslime oder andere.

STANDARD: Klingt nach Verfolgungswahn.

Angel: Ja genau, das kann auch pathologisch werden.

STANDARD: Haben sie wirklich Aufwind oder gibt ihnen der Papst mit seinen Entscheidungen Aufwind?

Angel: In Zeiten von Globalisierung und Wirtschaftskrise herrscht Angst. Es gibt keinen Massenzulauf zu den Lefebvre-Anhängern, aber einen starken Zulauf für sie von rechts. Wenn da eine Parallel-Kirche entsteht, könnte das zur Kirchenspaltung führen.

STANDARD: Mit rechtsradikalen, aber geweihten Bischöfen?

Angel: Das wollte Papst Benedikt XVI. verhindern.

STANDARD: Die einzige Notifikation, die der Papst bisher publizierte, war gegen den Befreiungstheologen Jon Sobrino. Auch weil er von einer "Kirche der Armen" sprach.

Angel: Wir schätzen Sobrino. Er trägt den Menschenrechtspreis der Uni Graz, wir haben einen Raum nach ihm benannt. Die theologische Abweichung von der Kirche ist bei der Pius-Bruderschaft viel gravierender als bei ihm.

STANDARD: Der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari appellierte angesichts der Diskussion um "heilbare" Homosexualität, "intelligent und sorgsam mit diesem Thema" umzugehen. Was sagen Sie zum "medizinischen Problem"?

Angel: Das ist so abstrus, dass ich es nicht kommentieren möchte. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD-Printausgabe, 13. Feber 2009)

Zur Person

Hans-Ferdinand Angel studierte in den 70ern beim Papst, Joseph Ratzinger, Wissenschaftstheorie in Regensburg. Er erforscht am Schnittpunkt von Theologie, Medizin und Neurowissenschaft Glaubensprozesse ("Credition" ). Seit 2007 ist er Dekan der Theologischen Fakultät in Graz.

  • Hans-Ferdinand Angel: "Wenn eine Parallel-Kirche entsteht, könnte das zur Kirchenspaltung führen."
    foto: uni graz

    Hans-Ferdinand Angel: "Wenn eine Parallel-Kirche entsteht, könnte das zur Kirchenspaltung führen."

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    Werden die katholischen Kirchen in Österreich nach vermehrten Austritten künftig leerer werden? Dekan Angel glaubt, dass für viele Christen angesichts jüngster Ereignisse "das Fass am Überlaufen ist" .

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