"Die Industrie fällt ins Bodenlose"

12. Februar 2009, 18:55
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EZB-Direktorin Tumpel-Gugerell: Wettbewerb um weniger werdende Kredite

Wien - "Früher hat es geheißen, Unternehmen brauchen eine Speckschwarte, von der sie in Krisenzeiten zehren können" , sagte Siemens-Österreich-Chefin Brigitte Ederer. Die heutigen Bilanzierungsregeln ließen den Aufbau solch einer Reserve aber nicht mehr zu, daher seien Unternehmen auf Banken und die Kreditvergabe angewiesen.
Die Kreditklemme sei deutlich zu spüren, als Folge der Finanzkrise "fällt die Industrie ins Bodenlose" , hält Ederer in der Diskussion "Mehrwert & Co - Wie viel Finanzmarkt braucht die reale Wirtschaft" fest, die der Standard mit dem Bruno Kreisky Forum veranstaltet hat.

Reinigungsprozess

"Unsere Kunden haben kein Geld zum Investieren" , betonte Ederer. Sie sieht in der Krise aber auch einen Reinigungsprozess. "Wir haben in den vergangenen 15 Jahren sehr gut vom Finanzboom gelebt. Aber die Entwicklung ging zu schnell, jetzt fallen wir in die Normalität zurück, und dieser Fall tut weh" , so die ehemalige SPÖ-Spitzenpolitikern.
EZB-Direktorin Gertrude Tumpel-Gugerell meinte, es sei ein Wettbewerb um die weniger gewordenen Kredite ausgebrochen. Das sei die Folge des Risikoabbaus der Banken, was in einer Krise eine verständliche Reaktion sei. Einen Grund für die Krise sieht Tumpel-Gugerell in den zuletzt niedrigen Kreditzinsen vieler Länder. Dadurch hätten sich Personen zwar Dinge leisten können, worauf sie zuvor keine Chance gehabt hätten, die Kreditmaschine sei aber zu schnell gelaufen, was jetzt Probleme mit der Rückzahlung bringe.

Leute halten

Die Regierung müsse helfen, "die Leute in den Betrieben zu halten" , sagte Tumpel-Gugerell. Am wichtigsten sei es, das Vertrauen auf allen Ebenen wieder herzustellen, damit das Angstsparen nicht überhandnehme. Die EZB-Bankerin kündigte neue Bewertungsvorschriften an, für die es eine "weitreichende Einigung" gebe, und zeigte sich überzeugt, dass die Krise gemeistert werden kann. Die EU habe sich zuletzt "sehr handlungsfähig" gezeigt. (bpf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.2.2009)

 

  • EZB-Bankerin Gertrude Tumpel-Gugerell, Moderatorin Agnes Streissler (ZIT-Chefin) und Siemens-Chefin Brigitte Ederer.
    foto: standard

    EZB-Bankerin Gertrude Tumpel-Gugerell, Moderatorin Agnes Streissler (ZIT-Chefin) und Siemens-Chefin Brigitte Ederer.

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