Ignoranz der Staaten bei Menschenhandel

12. Februar 2009, 18:36
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Sexuelle Ausbeutung ist weltweit das häufigste Motiv beim Menschenhandel, zeigt ein erster globaler UN-Bericht zu diesem Thema

Wien - Menschenhandel wird von vielen Staaten in der Welt immer noch nicht ernst genug genommen, kritisiert das UN-Büro für Drogen und Kriminalität (UNODC) in Wien. "Viele Regierungen verschließen immer noch die Augen", sagt UNODC-Chef Antonio Maria Costa angesichts der Präsentation eines ersten globalen Berichts zum Menschenhandel am Donnerstag.

Das gelte sowohl für die Erhebung von Daten als auch für die strafrechtliche Verfolgung der Täter. "Viele Strafrechtssysteme verharmlosen die Schwere dieses Verbrechens", so Costa. Im Berichtszeitraum 2007/2008 habe es in 40 Prozent der insgesamt 155 im Bericht abgedeckten Staaten keine einzige Verurteilung gegeben. "Entweder sind diese Länder blind für das Problem oder schlecht ausgestattet, um es zu bewältigen - oder beides."

Auch Österreich

Auch für Österreich nennt der Bericht auf zwei Seiten Eckdaten zu Fällen von Menschenhandel. Gab es 2005 demnach 92 Fälle, in denen Personen verdächtigt wurden, Menschenhandel betrieben zu haben, so ist diese Zahl im Jahr 2007 auf elf gefallen. Die Zahl der Verdachtsfälle von grenzüberschreitendem Handel von Prostituierten lag 2006 bei 86, ein Jahr später bei 70 verdächtigen Personen. In denselben Jahren gab es 19 (2006) und 33 (2007) Verurteilungen wegen Menschenhandels.

Laut Bericht ist die häufigste Form des Menschenhandels mit 79 Prozent aller Fälle sexuelle Ausbeutung, meist von Frauen und Mädchen - "obwohl das eine optische Täuschung sein könnte", merkt die UN-Behörde an. Denn die Dunkelziffer von Zwangsarbeit, die laut Bericht mit 18 Prozent an zweiter Stelle liegt, wird von den ExpertInnen als sehr hoch eingeschätzt. Mit der sich verschärfenden Wirtschaftskrise werde sich die Zahl der Zwangsarbeitsopfer noch erhöhen, so Costa.

Überraschend nennt die UN-Behörde die Tatsache, dass laut den vorliegenden Daten Frauen in 30 Prozent der Staaten die größte Tätergruppe bei sexueller Ausbeutung darstellen. "Es ist schockierend, dass frühere Opfer zu Händlern werden", sagt Costa. In Osteuropa und Zentralasien sind 60 Prozent der verurteilten Menschenhändler weiblichen Geschlechts.

Kinder machen global gesehen 20 Prozent der Menschenhandelsopfer aus. In Teilen Afrikas und der Mekong-Region in Südostasien stellen sie demnach aber die Mehrheit der Opfergruppe.

Keine Zahlen

Der Bericht ist Teil der von UNODC im Jahr 2007 gegründeten Globalen Initiative der Vereinten Nationen zur Bekämpfung des Menschenhandels (UN.GIFT) und wurde bei der UN-Konferenz zu diesem Thema vor einem Jahr in Wien beschlossen. Aufgrund fehlender Daten - der Report stützt sich ausschließlich auf Daten, die von den Regierungen zur Verfügung gestellt wurden - gibt der Bericht nur ein eingeschränktes Bild über die weltweite Situation. "Wir wissen immer noch nicht die Zahl der Opfer", sagt ein UNODC-Sprecher.

Zu den Ländern, die keinerlei Informationen zur Verfügung gestellt haben, gehört China. Schlusslichter bei der Verurteilung von Tätern sind die Länder des südlichen Afrika. Anders als weithin angenommen finde der größte Teil des Menschenhandels nicht über die Kontinente statt, sondern in der eigenen Umgebung, so die Behörde. Costa: "Die Kriminellen suchen sich ihre Opfer in der eigenen Familie - etwas, das nicht einmal Tiere tun." (raa, matma, DER STANDARD, Print, 13.2.2009)

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    Prostitution macht fast 80 Prozent des Menschenhandels aus. Täter sind laut UN in vielen Fällen ehemalige - weibliche - Opfer.

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