"Glawischnig war noch nie da"

18. Februar 2009, 08:47
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Warum der 26-jährige Serbe Stevan Raducic von der KPÖ zur FPÖ wechselte und seinen Landsleuten davon abrät, nach Österreich zu kommen

Stevan Raducic ist früh dran. "Normalerweise kommt er nie vor Mittag rein", sagt eine Kellnerin. Mit der "Neuen Freien Zeitung" unterm Arm begrüßt er die Gäste in seinem Café in Wien-Hernals. Das Lokal ist nur dunkel beleuchtet, an der Tafel wird "Frühstück um 1 Euro" beworben.

"Keine Serben werben"

Der 26-jährige Serbe liest nicht nur die Zeitung seiner Partei, der FPÖ. Kürzlich stand im Nachrichtenmagazin "profil", dass er eine "serbische FP-Fraktion" gründen will. "Das ist Schwachsinn", kommentiert er diesen Beitrag. Er nennt es Forum, nicht Fraktion, und es habe mit der FPÖ auch gar nichts zu tun: "Ich will hier keine Serben werben, sondern ihnen helfen. Bei ganz alltäglichen Dingen." Zum Beispiel? "Wie bekomme ich einen Meldezettel. Oder wie gründe ich ein Unternehmen. Von Freunden habe ich auch gehört, dass die serbische Botschaft nicht immer weiterhelfen kann. Da wollen wir helfen." Wir, das sind Raducic und drei weitere Freunde, die in den nächsten Wochen den Verein offiziell eröffnen wollen.

Geboren wurde Raducic in Österreich. Im Alter von drei Jahren ging er mit seiner Großmutter nach Serbien und kam 1989 wieder zurück. Seine politische Karriere begann bei der KPÖ. "Dazu steh' ich", sagt er, nimmt einen Zug von seiner Zigarette und fügt hinzu: "Man muss alles einmal ausprobieren." Mitglied wurde er 1999, "als die Bombardements auf Serbien begannen. Das war sicher ein Grund dafür."

Ein "Supermarxist" sei er nie gewesen. "Ich habe weder 'Das Manifest' noch 'Das Kapital' gelesen. Mir ging es darum, Lehrlinge zusammenbringen. Und so was hat uns da nicht interessiert." Heute findet er kaum mehr gute Worte für seine erste Partei: "Sie behandeln ihre Mitarbeiter schlecht", nennt er einen Grund für den Ausstieg. Er habe sich irgendwann nicht mehr mit der Partei identifizieren können, vor allem nicht mit dem ehemaligen Vorsitzenden Wolfgang Baier.

Glawischnig kommt nicht

Zwei Jahre war Raducic parteilos, bevor er kurz vor der Nationalratswahl 2008 der FPÖ beitrat. Zwischen den Kommunisten und den Freiheitlichen liegen Welten, gibt der Gastronom zu. Warum er sich nicht einer Partei zwischen Links und Rechts anschloss? "Schau'n Sie, die Glawischnig wohnt zwei Häuser weiter, und die war noch nie da. Da reden die von Volksnähe und Integration, aber lassen sich nicht bei den Leuten blicken." Wiener ÖVP- und FPÖ-Politiker lassen sich laut Raducic hingegen hin und wieder blicken. Gefragt nach seiner Meinung zur ÖVP meint er: "Naja, Molterer und Schüssel, die strahlen für mich Kälte aus. Das kann auch der Pröll nicht ändern."

Bleibt noch die SPÖ. "Welche Lösung hat die SPÖ für Integration", fragt Raducic. Gegenfrage: Welche Lösung hat die FPÖ für Integration? "Welche Lösung hat die SPÖ für Integration", wiederholt er und schweigt.

Bei den Islam-Lehrern habe Bürgermeister Michael Häupl "verschlafen". Dass nun ein Lehrer in Ottakring Unterrichtsverbot erhalten hat, interpretiert er als "Vorbereitung auf den Wahlkampf".

Mittlerweile bezeichnet Raducic sich selbst als Rechten: "Das bedeutet für mich, Patriot zu sein. Ich bin stolz, darauf, ein Österreicher zu sein." Und er hält fest: "Es gibt einen Unterschied zwischen rechts und nationalistisch." Auf die Frage, wie er zu Mitgliedern der FPÖ steht, die der als rechtsextrem eingestufte Burschenschaft Olympia angehören, hat Raducic keine Antwort. Er schweigt, nimmt wieder einen Zug von seiner Zigarette.

"Er war ja noch jung"

An die Vorwürfe, Mitarbeiter Martin Grafs hätten beim Aufruhr-Versand T-Shirts mit rechtsextremen Symbole bestellt, glaubt er nicht. Straches angebliche Wehrsportübungen, die auf Fotos festgehalten wurden, kommentiert er so: "Und wenn schon, er war damals ja noch jung. Das hat mit seiner heutigen Politik nichts mehr zu tun. Will man mir etwa vorwerfen, dass ich einmal ein Kommunist war?"

Auf die Asylfrage hat Raducic eine klare Antwort: "Wir können nicht mehr aufnehmen, als wir Platz haben. Und wir können uns keine Wirtschaftsflüchtlinge leisten." Auch von seinen Freunden in seiner alten Heimat habe der ein oder andere schon vergeblich versucht, nach Österreich zu kommen. Für sie hat er auch kritische Worte: "Viele von ihnen denken, dass in Österreich alles besser ist und sie nichts dafür tun müssen, um hier leben zu dürfen. Aber dann sag ich: 'Wir sind hier nicht bei Alice im Wunderland'.

Für alle offen

Das Handy läutet. Jetzt muss er einem österreichischen Freund aus der Patsche helfen. "Der Junge aus meinem Fussballverein ist einfach vom Bundesheer abgehauen", ärgert er sich. Auch sein Verein, den er gerade gründet, sei offen für alle, und nicht nur für Serben. Mit der FPÖ habe diese ehrenamtliche Tätigkeit nichts zu tun. Da zweigt er lieber selbst mal 400 Euro von seinem Einkommen ab.

Lange verbringt Raducic nicht in seinem Lokal. Er muss noch einige Sachen abklären: "Ich muss ein Büro mieten. Und wir brauchen noch einen Namen für den Verein. Wir können ja nicht vom Serbischen Kulturverein klauen", lacht er. (Elisabeth Oberndorfer/derStandard.at, 18. Februar 2009)

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    Der 26-jährige Stevan Raducic: "Will man mir etwa vorwerfen, dass ich Kommunist war?"

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    Mit dem serbischen Gebetsarmband am rechten Handgelenk warb FP-Chef HC Strache bei der Nationalratswahl 2008 um eine neue Wählerschaft.

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