Migrationsbremse Arbeitslosigkeit

17. Februar 2009, 19:12
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Während die Regierung "geregelte Zuwanderung" anpeilt, ist krisenbedingt eher mit weniger Einwanderern zu rechnen meint Migrationsforscher Fassmann

Wien - Die Lage am österreichischen Arbeitsmarkt spiegelt die Entwicklungen in der Weltwirtschaft wider: Kündigungen, Pleiten und Sparprogramme stehen auf der Tagesordnung - und ernüchternd klangen auch die Arbeitslosenzahlen im Jänner diesen Jahres: Plus 12,2 Prozent gesamt, bei Menschen mit nicht österreichischem Pass stieg die Zahl um 19,1 Prozent.

Neue Zuwanderung

Die Rot-Weiß-Rot-Card rückte unterdessen erneut ins Zentrum des Geschehens. Schon 2010 soll sie den Zuzug nach Österreich regeln. Zuwanderung soll sich an den Bedürfnissen Österreichs orientieren und nicht mehr durch Quoten eingeschränkt sein, so der Plan. Angesichts der Wirtschaftskrise und den schlechten Aussichten am Arbeitsmarkt ist allerdings fraglich, wie viel Zuwanderung es tatsächlich zu regeln geben wird.

Dass ausländische Arbeitskräfte den Abschwung stärker beziehungsweise früher als Einheimische zu spüren bekommen, bestätigt die Geschichte. "In unserer zirka 80-jährigen Tradition der Arbeitskräftewanderung nach Österreich kennen wir das Primat der Inländerbeschäftigung", erklärt Heinz Fassmann, Migrationsforscher an der Universität Wien. Werden also Stellen abgebaut, trifft es MigrantInnen häufig zuerst. So kommt es nicht von Ungefähr, wenn sich die zuständigen Stellen präventiv auf ausländische Beschäftigte fokussieren.

Schwerpunkte

Vor ziemlich genau einem Jahr kündigte beispielsweise das Arbeitsmarktservice Wien an, sich verstärkt um Menschen mit Migrationshintergrund kümmern zu wollen. Auf Nachfrage von derStandard.at bestätigt das AMS Wien, dass auch weiterhin ein Schwerpunkt in diesem Bereich gesetzt werde. Maßnahmen wie spezielle Diversitätstrainings für die MitarbeiterInnen des AMS Wien oder die Zusammenarbeit mit Vereinen aus dem migrantischen Umfeld seien 2008 umgesetzt worden und stehen nach wie vor im Fokus, um MigrantInnen bessere Chancen bei der Arbeitssuche zu gewähren.

"Aufgrund derartiger Maßnahmen, die bereits im Vorjahr zum Tragen kamen, konnten von Jänner bis November 2008 die Arbeitsaufnahmen nicht-österreichischer Staatsbürger in Wien um 6,3 Prozent gegenüber 2007 gesteigert werden", heißt es dazu vom AMS Wien. Ob der Erfolg in Zeiten der Wirtschaftkrise prolongiert werden kann, wird sich weisen.

Heimreise

Auch bei der Rückwanderung kann ein Blick auf die österreichische Zeitgeschichte als Kompass für Prognosen gelten. Anfang der 1970er Jahre, nachdem zahlreiche Gastarbeiter ein Jahrzehnt zuvor nach Österreich geholt worden waren, änderte sich die Lage. Die Energiekrise und die Tatsache, dass zahlreiche im Ausland tätige Österreicher wieder heimkehrten, verschärfte die Situation am Arbeitsmarkt.

Das 1975 verabschiedete Ausländerbeschäftigungsgesetz, das Österreicher am Arbeitsmarkt bevorzugte, tat sein Übriges zu einer einsetzenden Rückwanderungswelle. Rund ein Drittel der Gastarbeiter verließ das Land und ging zurück in die Heimat. Umgemünzt auf die heutige Situation sieht Fassmann ein ähnliches Szenario: "Wenn die Krise einmal ganz am Boden ankommt, dann wird es verstärkt zu einer Rückwanderung kommen."

Bremse für die Migration

Da der größte Teil der internationalen Wanderung Arbeitsmigration ist, führen schlechte wirtschaftliche Bedingungen automatisch auch zu einem Rückgang bei Migrationsbewegungen im Allgemeinen. "Menschen gehen prinzipiell dorthin, wo sie sich bessere Lebensbedingungen erhoffen. Lassen die Pull-Faktoren in erheblichem Maß nach, wirkt das migrationsbremsend. Ich rechne mit einem international sinkenden Wanderungssaldo", so Fassmann.

Die geplante Arbeitsmarktöffnung gegenüber den 2004 der EU beigetretenen Staaten und die Debatte um die weitere Abschottung werden in diesem Zusammenhang kaum Impulse geben. Fassmann erwartet keine großen Wanderungswellen, vielmehr handle es sich um politische Symbolik.

Keine Radikalisierung in Österreich

Mit einer Radikalisierung der Stimmungslage, wie sie vor kurzem in Großbritannien zu sehen war, rechnet Fassmann in Österreich nicht. Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten gebe es eine "konfliktminimierende Tradition". "Wir zählen unsere Streiks in Sekunden, leben in dem Glauben, dass das, was von Oben bestimmt wird, schon in Ordnung sein muss, und haben eigentlich auch noch nie eine erfolgreiche Revolution oder einen 'Arbeitskampf' geführt. Ich glaube, dass es in Österreich bei einem Rumoren im Hintergrund bleiben wird", so Fassmann. Auf die Barrikaden steigen, wie es die Briten unlängst gegen ausländische Arbeitnehmer vorexerzierten, werde man in Österreich wohl eher nicht. Die definitiv vorhandene "latente Ausländer-Skepsis" spiegle sich zwar öfters in Wahlen wider, dass sie sich langfristig manifestiert, glaubt Fassmann aber nicht. (Daniela Rom, derStandard.at, 17.2.2009)

  • Aus der Finanzkrise wurde eine Weltwirtschaftskrise, die langsam, aber sicher sich ihren Weg bahnt, und mit voller Wucht auch am Arbeitsmarkt einschlägt. Auch Migrationsbewegungen generell sind davon betroffen und werden sich verlangsamen.
    foto: der standard/robert newald

    Aus der Finanzkrise wurde eine Weltwirtschaftskrise, die langsam, aber sicher sich ihren Weg bahnt, und mit voller Wucht auch am Arbeitsmarkt einschlägt. Auch Migrationsbewegungen generell sind davon betroffen und werden sich verlangsamen.

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