"Arabern geht es nirgends besser als in Israel"

13. Februar 2009, 11:46
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Najem Wali im derStandard.at-Interview über seine "Reise in das Herz des Feindes" - mit Gewinnspiel

Der Schriftsteller Najem Wali hat ein Tabu gebrochen. Als erster arabischer Intellektueller hat der Exil-Iraker Israel besucht. Und dabei Dinge erlebt und gehört, die alles andere als dem offiziellen arabischen Mainstream entsprechen. Den Arabern in Haifa etwa, schreibt Wali, ginge es in Sachen Lebensstandard und Bürgerrechte besser als ihren Brüdern in den arabischen Diktaturen, deren Machthaber beteuern sie befreien zu wollen. Seither erhält Wali, der als junger Mensch vom Saddam-Regime verhaftet und gefoltert wurde, regelmäßig Drohungen. Im Gespräch mit derStandard.at erzählt er von seiner Sicht der Dinge.

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derStandard.at: Wie wurde Ihr Buch in der arabischen Welt aufgenommen?

Najem Wali: Von offizieller Seite wurde es in den Feuilletons nicht begrüßt. In E-Mails haben mir einige Kollegen geschrieben, dass sie das Buch wunderbar finden und mir zu meiner Reise gratuliert. Ich habe schon kurz nach meiner Reise 2007 Drohungen erhalten und diese Mails auch an das LKA (Landeskriminalamt, Anm.) Nordrhein-Westfalen weitergeleitet. Voriges Jahr ist mein Name auf einer Website des so genannten irakischen Widerstandes auf einer Abschussliste aufgetaucht. Auf der Buchmesse in Kairo hätte mein neuer Roman, den ich auf Arabisch geschrieben habe, erscheinen sollen. Nun habe ich erfahren, dass daraus aufgrund meiner Reise nichts wird.

derStandard.at: Ab 1951 verließen praktisch alle Juden den Irak. Wie waren Ihre Begegnungen mit geflüchteten irakischen Juden in Israel?

Najem Wali: Das waren wunderbare Begegnungen. Es war so, als wäre die gesamte irakische Kultur ins Exil gegangen, die Juden im Irak hatten ja nicht nur eine 2000-jährige Geschichte, sondern haben auch das soziale Leben mitgeprägt. Die jüdische Gemeinde im Irak ist älter als die muslimischen und christlichen Gemeinden und hat die Kultur und unseren Lebensstil beeinflusst. Saddam hat beim Bagdader Rundfunk eine Kommission zur Säuberung der irakischen Musik von so genannten feindlichen Elementen eingerichtet, obwohl die meisten Lieder von Juden stammten. Als ich in Israel war, habe ich so viele Dinge, die ich etwa von meinen Großeltern in Erinnerung hatte, wieder gefunden. Zum Beispiel einen alten Bagdader Dialekt, den im Irak heute kaum jemand noch spricht. Das ist wirklich eigenartig, wie man diese alte Kultur in der neuen Heimat aufbewahrt hat. Mir ist auch klar geworden, dass der Untergang des Irak vorprogrammiert war, als die Juden das Land verlassen haben, die einen Großteil der Elite und der Oberschicht des Landes gestellt hatten. Das war ein Schock für mich.

derStandard.at: Bis zum Sturz von Saddam Hussein 2003 war es Irakern per Gesetz verboten nach Israel zu reisen. Gab es zu Saddam-Zeiten Austausch mit israelischen Künstlern und Intellektuellen?

Najem Wali: Niemals, das galt als Verrat. Hätte ich während der Zeit von Saddam so eine Reise unternommen, wäre wohl meine ganze Familie verhaftet worden. In unseren Pässen stand "Gültig für alle Länder der Welt außer Israel". Daher kam überhaupt kein Austausch zustande.

derStandard.at: Warum erregt die Situation der Palästinenser so viel mehr Aufsehen als andere Konflikte, etwa in Darfur?

Najem Wali: Weil Palästina ein Mythos ist, den man im Laufe der Geschichte aufgebaut hat. Der Panarabismus hat sich mit dem Islam verbunden, weil der Koran auf Arabisch geschrieben worden ist. Jerusalem, die man Stadt des Friedens nennt, ist die wahrscheinlich blutigste Stadt der Geschichte. Es gab viele Kriege um diese Stadt und wenn man sie ansieht, fragt man sich doch, ob sich das wirklich lohnt. Afrika ist hingegen für den Rest der Welt ein vergessener Kontinent, auch etwa wenn man an die Massaker in Ruanda denkt. Der Israel-Palästina-Konflikt hat auch mit der europäischen Geschichte zu tun, angefangen vom britischen Mandat bis zu dem, was den Juden angetan wurde.

derStandard.at: In Syrien gibt es ein Gefängnis namens "Palästina". Warum nannte Staatschef Assad ein Gefängnis so?

Najem Wali: Das ist ja das Groteske, weil Syrien so diesen Mythos verkauft. Wer in dieses Gefängnis kommt, wird als Feind der arabischen Sache bezeichnet. Wenn ein Dichter zum Beispiel ein kritisches Stück gegen Assad schreibt, wird er zu einem Verräter, der in die "Hände des Feindes" arbeitet.

derStandard.at: In Ihrem Buch beschreiben sie die Situation der arabischen Bewohner in Israel, am Beispiel der Stadt Haifa.  Diese bezeichnen Sie als besser als überall sonst im Nahen Osten, was Lebensstandard und Bürgerrechte betrifft. Weiß man in den arabischen Staaten von diesem Umstand?

Najem Wali: Das weiß im arabischen Raum niemand. Offiziell sind diese Araber die Verräter, vor allem, wenn sie sich an den Wahlen in Israel beteiligen. Weil man, wenn man in die Knesseth gewählt wird, einen Eid auf die israelische Flagge schwören muss. Ich habe in Haifa Leute getroffen, die sich schon über Arafat beschwert haben, weil die PLO nach außen auch für sie sprechen wollte. Aber die Araber in Haifa haben einen gewissen Standard erreicht, den sie nicht wieder verlieren wollen. Sie wollen natürlich mehr Rechte, aber es gab etwa in der letzten israelischen Regierung einen arabischen Minister. Es nicht nicht ideal, aber schon eine Leistung. In Syrien etwa gibt es nicht einmal pro forma einen kurdischen Minister. Würde die wahre Lage der Araber in Haifa dort bekannt, käme doch sofort die Frage auf, warum die eigenen Minderheiten nicht in der Regierung vertreten sind.

derStandard.at Was denken Sie: Welche Auswirkungen würde es auf die arabischen Regime haben, wenn sich der Palästinenserkonflikt in Wohlgefallen auflöst?

Najem Wali: Dann würden die Potentaten sofort von der Macht verschwinden, weil sie keinen Mythos mehr zu verkaufen hätten. Alles geschieht im Namen von Palästina. Bis jetzt wird ja von den Herrschenden immer gesagt, man bräuchte keine Demokratie, weil der Feind das ausnützen würde. Und die Armut wird gerechtfertigt, indem man sagt, man müsse aufrüsten, um Palästina zu befreien. Bis heute leben viele Flüchtlinge aus Palästina in den Nachbarstaaten, die nicht eingebürgert werden, damit sie nicht ihre Identität verlieren. So wollen die Regierungen diesen Mythos am Leben erhalten.

derStandard.at: Sie sprechen von der Angst, die sie während ihrer Israel-Reise in den Augen der Israelis gesehen haben, und die sie mit ihren arabischen Nachbarn teilen. Wie lässt sich das gegenseitige Misstrauen überwinden?

Najem Wali: Mit mehr Austausch. Wenn man zum Beispiel Kulturprogramme oder wirtschaftliche Beziehungen aufbaut, kann man mit der Zeit dieses Misstrauen verringern. Ich habe auch meinen Kollegen gesagt, dass es gut wäre, wenn israelische Schriftsteller in die arabischen Länder reisten und darüber schrieben. Solche Bücher können großes Gewicht haben, weil sie ein Tabu brechen. Die ersten vielleicht zehn Bücher machen Geschichte, danach wären sie normal. Und genau das fehlt. (flon/derStandard.at, 12.2.2009)

Zur Person:

Najim Wali wurde 1956 im südirakischen Basra geboren und lebt seit 1980 in Deutschland, erst in Hamburg, heute in Berlin. Nach seinem Studium der deutschen Literatur in Bagdad wurde er von den Saddam-Behörden verhaftet und gefoltert. Die Universität Haifa hat ihn im Frühjahr 2007 zu einer Tagung namens "Irak Quo Vadis" eingeladen. Aus seiner Reise durch Israel entstand das Buch "Reise in das Herz des Feindes - Ein Iraker in Israel", das jüngst im Carl-Hanser-Verlag erschienen ist.

  • Najem WaliReise in das Herz des FeindesEin Iraker in IsraelÜbersetzt aus dem Arabischen von Imke Ahlf-WienISBN: 978-3-446-23302-7
    hanser

    Najem Wali
    Reise in das Herz des Feindes
    Ein Iraker in Israel
    Übersetzt aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien
    ISBN: 978-3-446-23302-7

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