
Najem Wali
Reise in das Herz des Feindes
Ein Iraker in Israel
Übersetzt aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien
ISBN: 978-3-446-23302-7
Der Schriftsteller Najem Wali hat ein Tabu gebrochen. Als erster arabischer Intellektueller hat der Exil-Iraker Israel besucht. Und dabei Dinge erlebt und gehört, die alles andere als dem offiziellen arabischen Mainstream entsprechen. Den Arabern in Haifa etwa, schreibt Wali, ginge es in Sachen Lebensstandard und Bürgerrechte besser als ihren Brüdern in den arabischen Diktaturen, deren Machthaber beteuern sie befreien zu wollen. Seither erhält Wali, der als junger Mensch vom Saddam-Regime verhaftet und gefoltert wurde, regelmäßig Drohungen. Im Gespräch mit derStandard.at erzählt er von seiner Sicht der Dinge.
***
derStandard.at: Wie wurde Ihr Buch in der arabischen Welt aufgenommen?
Najem Wali: Von offizieller Seite wurde es in den Feuilletons nicht begrüßt. In E-Mails haben mir einige Kollegen geschrieben, dass sie das Buch wunderbar finden und mir zu meiner Reise gratuliert. Ich habe schon kurz nach meiner Reise 2007 Drohungen erhalten und diese Mails auch an das LKA (Landeskriminalamt, Anm.) Nordrhein-Westfalen weitergeleitet. Voriges Jahr ist mein Name auf einer Website des so genannten irakischen Widerstandes auf einer Abschussliste aufgetaucht. Auf der Buchmesse in Kairo hätte mein neuer Roman, den ich auf Arabisch geschrieben habe, erscheinen sollen. Nun habe ich erfahren, dass daraus aufgrund meiner Reise nichts wird.
derStandard.at: Ab 1951 verließen praktisch alle Juden den Irak. Wie waren Ihre Begegnungen mit geflüchteten irakischen Juden in Israel?
Najem Wali: Das
waren wunderbare Begegnungen. Es war so, als wäre die gesamte irakische
Kultur ins Exil gegangen, die Juden im Irak hatten ja nicht nur eine
2000-jährige Geschichte, sondern haben auch das soziale Leben
mitgeprägt. Die jüdische Gemeinde im Irak ist älter als die
muslimischen und christlichen Gemeinden und hat die Kultur und unseren
Lebensstil beeinflusst. Saddam hat beim Bagdader Rundfunk eine
Kommission zur Säuberung der irakischen Musik von so genannten feindlichen Elementen
eingerichtet, obwohl die meisten Lieder von Juden stammten. Als ich in
Israel war, habe ich so viele Dinge, die ich etwa von meinen Großeltern
in Erinnerung hatte, wieder gefunden. Zum Beispiel einen alten Bagdader
Dialekt, den im Irak heute kaum jemand noch spricht. Das ist wirklich
eigenartig, wie man diese alte Kultur in der neuen Heimat aufbewahrt
hat. Mir ist auch klar geworden, dass der Untergang des Irak
vorprogrammiert war, als die Juden das Land verlassen haben, die einen
Großteil der Elite und der Oberschicht des Landes gestellt hatten. Das war ein
Schock für mich.
derStandard.at: Bis zum Sturz von Saddam Hussein 2003 war es Irakern per Gesetz verboten nach Israel zu reisen. Gab es zu Saddam-Zeiten Austausch mit israelischen Künstlern und Intellektuellen?
Najem Wali: Niemals, das galt als Verrat. Hätte ich während der Zeit von Saddam so eine Reise unternommen, wäre wohl meine ganze Familie verhaftet worden. In unseren Pässen stand "Gültig für alle Länder der Welt außer Israel". Daher kam überhaupt kein Austausch zustande.
derStandard.at: Warum erregt die Situation der Palästinenser so viel mehr Aufsehen als andere Konflikte, etwa in Darfur?
Najem Wali: Weil Palästina ein Mythos ist, den man im Laufe der Geschichte aufgebaut hat. Der Panarabismus hat sich mit dem Islam verbunden, weil der Koran auf Arabisch geschrieben worden ist. Jerusalem, die man Stadt des Friedens nennt, ist die wahrscheinlich blutigste Stadt der Geschichte. Es gab viele Kriege um diese Stadt und wenn man sie ansieht, fragt man sich doch, ob sich das wirklich lohnt. Afrika ist hingegen für den Rest der Welt ein vergessener Kontinent, auch etwa wenn man an die Massaker in Ruanda denkt. Der Israel-Palästina-Konflikt hat auch mit der europäischen Geschichte zu tun, angefangen vom britischen Mandat bis zu dem, was den Juden angetan wurde.
derStandard.at: In Syrien gibt es ein Gefängnis namens "Palästina". Warum nannte Staatschef Assad ein Gefängnis so?
Najem Wali: Das ist ja das Groteske, weil Syrien so diesen Mythos verkauft. Wer in dieses Gefängnis kommt, wird als Feind der arabischen Sache bezeichnet. Wenn ein Dichter zum Beispiel ein kritisches Stück gegen Assad schreibt, wird er zu einem Verräter, der in die "Hände des Feindes" arbeitet.
derStandard.at: In Ihrem Buch beschreiben sie die Situation der arabischen Bewohner in Israel, am Beispiel der Stadt Haifa. Diese bezeichnen Sie als besser als überall sonst im Nahen Osten, was Lebensstandard und Bürgerrechte betrifft. Weiß man in den arabischen Staaten von diesem Umstand?
Najem Wali: Das weiß im arabischen Raum niemand. Offiziell sind diese Araber die Verräter, vor allem, wenn sie sich an den Wahlen in Israel beteiligen. Weil man, wenn man in die Knesseth gewählt wird, einen Eid auf die israelische Flagge schwören muss. Ich habe in Haifa Leute getroffen, die sich schon über Arafat beschwert haben, weil die PLO nach außen auch für sie sprechen wollte. Aber die Araber in Haifa haben einen gewissen Standard erreicht, den sie nicht wieder verlieren wollen. Sie wollen natürlich mehr Rechte, aber es gab etwa in der letzten israelischen Regierung einen arabischen Minister. Es nicht nicht ideal, aber schon eine Leistung. In Syrien etwa gibt es nicht einmal pro forma einen kurdischen Minister. Würde die wahre Lage der Araber in Haifa dort bekannt, käme doch sofort die Frage auf, warum die eigenen Minderheiten nicht in der Regierung vertreten sind.
derStandard.at Was denken Sie: Welche Auswirkungen würde es auf die arabischen Regime haben, wenn sich der Palästinenserkonflikt in Wohlgefallen auflöst?
Najem Wali: Dann würden die Potentaten sofort von der Macht verschwinden, weil sie keinen Mythos mehr zu verkaufen hätten. Alles geschieht im Namen von Palästina. Bis jetzt wird ja von den Herrschenden immer gesagt, man bräuchte keine Demokratie, weil der Feind das ausnützen würde. Und die Armut wird gerechtfertigt, indem man sagt, man müsse aufrüsten, um Palästina zu befreien. Bis heute leben viele Flüchtlinge aus Palästina in den Nachbarstaaten, die nicht eingebürgert werden, damit sie nicht ihre Identität verlieren. So wollen die Regierungen diesen Mythos am Leben erhalten.
derStandard.at: Sie sprechen von der Angst, die sie während ihrer Israel-Reise in den Augen der Israelis gesehen haben, und die sie mit ihren arabischen Nachbarn teilen. Wie lässt sich das gegenseitige Misstrauen überwinden?
Najem Wali: Mit mehr Austausch. Wenn man zum Beispiel Kulturprogramme oder wirtschaftliche Beziehungen aufbaut, kann man mit der Zeit dieses Misstrauen verringern. Ich habe auch meinen Kollegen gesagt, dass es gut wäre, wenn israelische Schriftsteller in die arabischen Länder reisten und darüber schrieben. Solche Bücher können großes Gewicht haben, weil sie ein Tabu brechen. Die ersten vielleicht zehn Bücher machen Geschichte, danach wären sie normal. Und genau das fehlt. (flon/derStandard.at, 12.2.2009)
Zur Person:
Najim Wali wurde 1956 im südirakischen Basra geboren und lebt seit 1980 in Deutschland, erst in Hamburg, heute in Berlin. Nach seinem Studium der deutschen Literatur in Bagdad wurde er von den Saddam-Behörden verhaftet und gefoltert. Die Universität Haifa hat ihn im Frühjahr 2007 zu einer Tagung namens "Irak Quo Vadis" eingeladen. Aus seiner Reise durch Israel entstand das Buch "Reise in das Herz des Feindes - Ein Iraker in Israel", das jüngst im Carl-Hanser-Verlag erschienen ist.
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schönes beispiel für
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Anstatt sich mit widersprüchlichen Verhältnissen zu beschäftigen, kommen dumme Sprüche und zynisches Gesudere. Herr Wali sagt nur, dass es für Araber höchstens in Israel Menschenrechte und Chancen gibt. Er sagt nicht, dass in Israel alles rosig sei, sondern dass das Problem des Nahostkonflikts bei den undemokratischen Regimen rundherum liegt. Das ist für Antizionisten natürlich unannehmbar, weil man lieber mit Diktatoren, Mördern und Verbrechern Kumpanei betreiben will.
Bürgerrechte haben sie in Israel aufgrund ihrer Ethnie keine bzw eingeschränkte. Übrigens auch jüdische Kinder mit nichtjüdischer Mutter (was für Gläubige ein Widerspruch in sich ist).
Jedes andere Regime würde als Apartheidregime gebrandmarkt.
Im Übrigen ist die arabische Welt nicht so einfach unter einen Hut zu bringen wie Sie glauben - Irak, Saudi-Arabien, Ägypten, das war's? Nein - es gibt zB den Libanon. Eine funktionierende arabische Demokratie. Die keine Bürgerrechte vor zB christlichen Libanesen zurückhält.
In der EU gibt es für Araber mehr Menschenrechte, mehr demokratische Möglichkeiten und mehr von allem, nur die Heimat gibt es in der EU nicht. Und in den meisten Ländern der EU es ist sehr kalt.
In fast allen arabischen Ländern kann man keine Kritik an Herrschern, Bürokraten oder Entscheidungsträgern üben, ohne Angst um seine Existenz, manchmal sogar sein Leben haben zu müssen. Wenn sie also glauben, dass es für Araber besser ist, in Diktaturen zu leben, sollten sie es einmal selbst probieren.
Salam Hossam,
"In fast allen arabischen Ländern kann man keine Kritik an Herrschern, Bürokraten oder Entscheidungsträgern üben, ohne Angst um seine Existenz, manchmal sogar sein Leben haben zu müssen."
Stimmt. Ist aber nicht in allen Ländern gegeben - im Libanon gibt es eine aufgeschlossene, kritische Jugend, die sich mit jener in Israel durchaus messen kann. Vor der Re-Islamisierung va aus dem Ausland (Ägypten und Saudi) war Palästina eine relativ liberale, säkulare Gesellschaft (bis in die 70er). Bevor Saddam Hussein, ebenfalls aus dem Ausland, gestützt wurde gab es im Irak Ansätze einer gesunden Zivilgesellschaft (u natürlich massiven u gewalttätigen Machtkampf).
*Ganz* so schwarz würde ich die arabische Welt nicht zeichnen..
Genau das, was im Titel steht, hat mir bei einer Israelreise 1991 ein Palästinenser auch gesagt.
Die Palästinenser sind in Syrien, Jordanien usw. Menschen zweiter Klasse (natürlich sind sie das in Israel auch, haben aber laut meinem Gesprächspartner damals mehr Chancen in Ausbildung und Beruf in Israel als sonstwo)
Die ganze Pro-Palästina-Heuchelei vom Iran bis Syrien zielt nur auf die Vernichtung von Israel ab, und nicht auf den Schutz der armen Palästinenser.
Besser behandelt?
- Die Menschen leben in den genannten Ländern seit Jahrzehnten, eingepfercht in Flüchtlingslagerghettos ohne CHance rausgelassen und integriert zu werden.
- Es gibt nicht mal das Taschengeld, geschweige denn die Caritas und ähnliche Organisationen, die so großzügig helfen wie in Dt u Ö. (Gläubige Ausländer spenden gern für Hamas Universitäten und Kindergärten in Palästina. und für Hetzschriften)
- Parias im arabischen Bruderland.
- Gibt es Ärger mit terroristischen Gruppen, wird mal - Ruhe muss sein! - ein ganzes Lager dem Erdboden gleichgemacht. In Deutschland schon passiert? Nein? Ach und wie ist das in Dt bei erfolgreichem Asylbescheid? Ist man dann nicht nach wenigen JAHREN (Nicht Jahrzehnten) Teil der Gesellschaft?
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