Satelliten-Kollision: US-Militär erwartet "Weltraum-Völkerball"

13. Februar 2009, 16:35
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US-Satellit kollidierte mit russischem Flugkörper - Trümmerteile könnten die Internationale Raumstation treffen - EU fordert Verhaltenskodex für Einsätze im All

Washington/Wien - Nach Einschätzung des US-Militärs müssen die im Weltraum vertretenen Nationen mit ihren Trabanten bald "Weltraum-Völkerball" spielen, um herumfliegendem Schrott auszuweichen. "Meine Sorge ist, dass das Trümmerfeld noch eine Weile da oben sein wird", sagte General James Cartwright, Mitglied des Generalstabs, am Donnerstag. Wie berichtet waren ein russischer und ein Satellit der US-Betreiberfirma Iridium Satellite Hunderte Kilometer über der Erde kollidiert.

Trümmerfeld

Nach der Kollision bildete sich ein weites Trümmerfeld. Die gute Nachricht sei, dass die Flugbahn der Trümmerteile nach deren Stabilisierung relativ exakt vorherzusagen seien. "Die schlechte Nachricht ist: Es ist ein großes Gebiet", sagte Cartwright weiter.

"Die Beschaffenheit der Trümmerwolke muss noch untersucht werden", sagte der russische Militärsprecher Alexander Jakuschin nach Angaben der Agentur Interfax am Donnerstag. Der russische Satellit mit dem Namen Kosmos-2251 war nach Angaben von Jakuschin seit 1993 im All, allerdings seit Jahren nicht mehr in Betrieb.

Satelliten-Schrott könnte auch die Internationale Raumstation (ISS) treffen. Erste Radar-Untersuchungen des US-Militärs hätten ergeben, dass nach dem Zusammenstoß im All rund 600 Trümmerteile zurückgeblieben seien. Es werde aber noch etwa zwei Tage dauern, bevor das genaue Ausmaß des Trümmerfeldes abzuschätzen sei, sagte NASA-Sprecher Michael Carey dem US-Fernsehsender CBS. Ein Weltraumexperte sagte der Agentur Interfax in Moskau, dass die Trümmer leicht mit alten sowjetischen Spionagesatelliten, die sogenannte Atombatterien an Bord haben, zusammenstoßen könnten. Es bestehe die Gefahr, dass Wolken mit radioaktiver Strahlung im All austreten, sagte der Experte.

Kodex gefordert

Indessen hat die Europäische Union am Donnerstag einen Verhaltenskodex für Einsätze im All gefordert. Auf der Abrüstungskonferenz in Genf stellte die EU ein Dokument vor, um Umweltschäden und Konflikte zwischen Staaten im Weltraum zu verhindern.

Bislang wurde das Thema von Einsätzen im All bei der Abrüstungskonferenz weitgehend ausgeklammert. Ein solches Abkommen würde der EU zufolge aber die internationale Zusammenarbeit in der Weltraumforschung fördern.

Ein "äußerst ungewöhnliches" Ereignis

Die im US-Bundesstaat Maryland ansässige Firma Iridium Satellite erklärte, die Kollision vom Dienstag sei ein "äußerst ungewöhnliches" Ereignis gewesen. Am Donnerstag gab das Unternehmen bekannt, dass sie keine Informationen zu einer bevorstehenden Kollision gehabt hätten. "Hätten die Organisationen, die den Weltraum überwachen, diese Information gehabt, hätten sie diese mit uns geteilt", zeigte sich Liz DeCastro, eine Unternehmenssprecherin, überzeugt.

Wie "Space News" berichtete, hatte die US-Raumfahrtbehörde NASA am Dienstag bekanntgegeben, dass der 900 Kilogramm schwere russische Satellit mit dem 560 Kilogramm schweren Iridium-Satelliten zusammengeprallt war, und zwar um 17.55 Uhr (MEZ) in 790 Kilometern Höhe über Sibirien.

Risiko für die ISS

Die "Washington Post" zitierte ein NASA-Dokument, demzufolge ein leicht erhöhtes Risiko für die ISS besteht, von Satelliten-Schrott getroffen zu werden. Dieses Risiko halte sich aber "in akzeptablen Grenzen". Die ISS befindet sich in nur 354 Kilometern Höhe, also deutlich unter dem Kollisionsorbit der beiden Satelliten. NASA-Sprecher John Yembrick sagte, der Schrott werde sich ausbreiten, weshalb die ISS möglicherweise ein Ausweichmanöver starten müsse. Dazu sei die Raumstation aber in der Lage, dies sei ihr bereits in acht Fällen gelungen.

Ersatz

Der zerstörte Satellit werde binnen 30 Tagen durch einen bereits im All befindlichen Ersatz-Satelliten ersetzt, erklärte Iridium Satellite. Zwischenzeitlich könne es zu kurzen Kommunikationsstörungen und -ausfällen kommen. Nach eigenen Angaben betreibt Iridium Satellite ein Netzwerk von 66 Kommunikationssatelliten sowie mehreren Ersatzsatelliten im All. Die Firma betonte, die Kollision sei nicht auf technisches Versagen bei dem Iridium-Satelliten zurückzuführen. Der Zusammenprall gilt als einer der ersten derartigen Vorfälle im All.

Seit die Sowjetunion im Jahr 1957 mit "Sputnik 1" den ersten künstlichen Satelliten gestartet hatte, wurden rund 6.000 Stück ins Weltall gebracht. Derzeit sind nach NASA-Angaben noch etwa 3.000 in Betrieb. Durch das All fliegen zurzeit 18.000 Teile von Weltraum-Schrott, die bekannt sind.

>>> Satelliten-Kollisionen teilweise in Kauf genommen


Kollisionen von Satelliten werden teilweise von den Betreibern in Kauf genommen, erklärte Wolfgang Baumjohann, Leiter des Instituts für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), am Donnerstag. Eine Überwachung der Flugkörper ist zwar möglich, aber nicht jeder Satellit verfügt über die nötigen Antriebssysteme für Ausweichbewegungen.

Generell gibt es im Weltall keine ausgewiesenen oder gar überwachten Straßensysteme wie etwa in der Luftfahrt. Lediglich in räumlich sehr begrenzten Bereichen, wie etwa der geostationären Umlaufbahn in rund 36.000 Kilometern über dem Äquator, existiert eine Art Gentlemen's-Agreement zwischen den Nutzern. Ausgediente Flugkörper müssen aus der Bahn entfernt werden.

Abbremsung

In den übrigen Bereichen des erdnahen Weltraums werden ausgediente Satelliten häufig sich selbst überlassen. "In Höhen zwischen 400 und 1.000 Kilometern, wo sich auch der jüngste Zusammenstoß ereignete, sorgt die Reibung mit Luftmolekülen dafür, dass die Flugkörper immer mehr abgebremst werden und schließlich verglühen", so Baumjohann. Dennoch sei mittlerweile jede Menge Material unterwegs, welches zur Gefahr für aktive Satelliten oder gar die Internationale Raumstation (ISS) werden kann.

Überwachung der ISS

Große, teure Systeme wie auch die ISS werden entsprechend überwacht. Droht eine Kollision mit einem anderen Raumschiff oder einem sonstigen Brocken, werden Düsen gezündet und ein entsprechender Ausweichkurs programmiert. Billig-Satelliten oder auch ausgediente Systeme haben zum Teil keine Antriebsmöglichkeiten. "Teilweise ist es billiger, die seltenen Kollisionen in Kauf zu nehmen und bei Bedarf die zerstörten Systeme durch neue zu ersetzen", sagte der Experte.

Die Gefahr dabei ist laut Baumjohann allerdings, dass es bei einer Häufung von Unfällen zu einem exponentiellen Anstieg der Trümmer in einer bestimmten Höhe kommt. Dennoch wird es in absehbarer Zeit kaum Möglichkeiten geben, das Problem des Weltraumschrotts in den Griff zu bekommen, ist der Wissenschafter überzeugt. Selbst wenn es verbindliche Richtlinien gäbe, wäre es nicht möglich, deren Einhaltung zu exekutieren. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die ESA-Grafik zeigt katalogisierte Objekte in einer erdnahen Umlaufbahn (Blick auf den Äquator)

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