Schönklang der Abstraktion

11. Februar 2009, 20:02
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Dirigent Mariss Jansons mit seinem Concertgebouworchester im Wiener Musikverein

Wien - Stille lässt sich eigentlich nicht gestalten. Man kann allerdings - bei Mariss Jansons, dem akribischen Maestro war's zu hören - mit ihr gestalten. Der Lette stellt Stille bewusst her, bevor er loslegt. Und er erzwingt sie durch eine nach dem Werkfinale aufrechterhaltene Körperspannung, damit so etwas wie stiller "Nachklang" möglich wird. Nebstbei wird das Hineinstechen des Applauses gleich in die letzte Note hinein verhindert. Danke.

Groteskerweise musste gerade Jansons im Musikverein schon nach dem ersten Satz von Schostakowitschs 10. Symphonie die Erfahrung von Geklatsche erdulden. Störend natürlich, aber verständlich. Das Concertgebouworchester Amsterdam beschenkte am ersten Abend seines Wien-Gastspiels mit einem euphorisierenden, dunklen und satten Sound, den man sonst kaum je zu hören bekommt.

Mag sich die Fülle dieses Wohllauts noch zu Beginn (bei Wagners Ouvertüre zu Tannhäuser) etwas zum Nachteil von Details entfaltet haben, so schien die Balance zwischen Klang und Struktur bei den instrumentalen Ausschnitten aus dem Ring und insbesondere bei der Zehnten vollends hergestellt. Das elegische Herumschlängeln des ersten Satzes, sein kühler Melodieatem - alles wirkte wie eine abstrakte Abhandlung über die Angst. Jansons, der sich in allen Sätzen langsamer gibt als in seiner Aufnahme mit dem Philadelphia Orchestra, unterschlägt auch das schrill Aufschreiende nicht. Zum akustischen Porträt einer irr tanzenden Puppe wird der zweite Satz.

Natürlich war im Dramatischen noch mehr Klangschärfe vorstellbar. Angesichts der Virtuosität des Ensembles und der Musikalität Jansons' ersetzt man indes Einwände gerne durch Bewunderung. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.2.2009)

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