Kunstmarkt: Bewährungsprobe der Zeitgenossen

11. Februar 2009, 19:48
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Werden die aktuellen Zeitgenossen-Auktionen für halbleere oder halbvolle Kassen sorgen? Veränderungen stehen bevor

... und andere sind schon da: Phillips de Pury hat einen neue CEO.


London / New York - Dass es sich bei dem an den Schläfen bereits leicht ergrauten Endvierziger weniger um einen Zaungast als um einen neuen und relevanten Spielgefährten handelt, wird sich in der Auktionsbranche schnell herumgesprochen haben, obwohl sein Announcement Ende Jänner eher still erfolgt war. Ein Besuch der Website von Phillips de Pury lieferte jedenfalls die Bestätigung: Bernd Runge, vormals Vizepräsident des Condé Nast Verlages, übernimmt mit 1. März die Funktion des Chief Executive Officer (CEO).

Herausforderung bei de Pury

Als sich Runge Anfang Dezember 2008 via E-Mail von seinen Mitarbeitern verabschiedete, war noch von einer ausgiebigen Pause die Rede. Die Suche nach neuen Herausforderungen habe ihn zu diesem Schritt bewogen, so Runge. Diese hat der Medienmacher nun bei dem seit Oktober 2008 unter russischer Führung stehenden Auktionshaus gefunden. Die Kontakte zur Mercury-Holding, zu deren Imperium das legendäre TSUM oder Showrooms von Gucci, Prada, Dolce & Gabbana und Ferrari gehören - dürften eng mit Runges größtem Erfolg, der 1997 aus der Taufe gehobenen russischen Vogue verknüpft sein. Vergessen scheint seine noch 2004 medial diskutierte Stasi-Vergangenheit. Runge übernimmt jetzt die wirtschaftliche Leitung des Auktionshauses, de Pury bleibt Teilhaber und für die Kunst zuständiger Chairman.

Dass der neue CEO schon jetzt ein Auge auf die betriebswirtschaftliche Performance haben wird, liegt auf der Hand. 176 Prüfsteine stehen diese Woche in der Londoner Niederlassung am Howick Place auf dem Programm. Zwischen 8,5 und 11,7 Millionen Pfund sollten in zwei Sitzungen eingespielt werden, wovon sich allein die Truppe der 53 Lots beim Evening-Sale mit 6,8 bis 9,2 Millionen Pfund behaupten müssen.

Zum interessantesten Sampler des Angebotes gehört jener aus der Sammlung Thyssen-Bornemisza. Francesca trennt sich - zugunsten der Förderung der zeitgenössischen Kunstszene Islands - von insgesamt 30 Schützlingen: Bill Viola (Unspoken, 2001, Video-Diptychon, 70.000-90.000 Pfund) und Co sollten sich mit wenigstens 553.000 Pfund zu Buche schlagen. Im Idealfall könnte sich der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat Europas aber auch über zweckgebundene Zuwendungen in der Größenordnung von 766.000 Pfund (874.000 Euro) bzw. umgerechnet 126,93 Millionen isländischer Kronen freuen.

Die Stimmung der Branche haben Phillips de Pury und Christie's - bei Redaktionsschluss war deren Evening-Sale noch nicht zu Ende - jedenfalls auf ihrer Seite. Die vergangene Woche in London abgehaltenen Auktionen verliefen vielversprechend, und die Kassen der Anbieter waren am Ende alles andere denn halbleer. Sotheby's notierte nach vier Sitzungen ein Total von umgerechnet 77,36 Mio. Euro, Christie's hielt mit einem Wochenumsatz (drei Auktionen) von 91,42 Millionen Euro dagegen.

Relevante Bewährungsprobe

Vor allem Zeitgenössisches stand angesichts der zuletzt mäßigen Performance in New York vor einer relevanten Bewährungsprobe. Am 5. Februar verteilte Sotheby's 25 der 27 im Rampenlicht stehenden Kunstwerke zu einem Gegenwert von insgesamt 17,87 Millionen Pfund. Den höchsten Preis des Abends notierte man erwartungsgemäß für Marktfrisches: Konkret für Lucio Fontanas Concetto spaziale aus dem Jahr 1961, für das ein europäischer Privatsammler etwas unter der angesetzten Taxe (5-7 Mio. Pfund) 4,4 Millionen Pfund bewilligte. Der anderntags durchgeführte Day-Sale bescherte mit fast 89 Prozent eine der besten jemals erreichten Verkaufsquoten: Der durchschnittliche Verkaufswert belief sich auf umgerechnet 64.800 Euro je Kunstwerk, noch 2005 sei dieser laut Sotheby's bei 34.600 Euro gelegen. Da sag noch einer, Österreich spiele in dieser Liga nicht mit: Bei der bislang erfolgreichsten Zeitgenossen-Auktion (Dorotheum, November 2007, Total 5,35 Mio. Euro) lag der Vergleichswert bei 42.870 Euro! (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.2.2009)

  • Erschöpfende Wertsteigerung: 1980 gab Kees van Dongens "La cuirasse d'or" bei Christie's in New York für 315.000 Dollar sein Auktionsdebüt - aktuell wechselte es für 1,19 Millionen Dollar den Besitzer.
 
 
    foto: christie's

    Erschöpfende Wertsteigerung: 1980 gab Kees van Dongens "La cuirasse d'or" bei Christie's in New York für 315.000 Dollar sein Auktionsdebüt - aktuell wechselte es für 1,19 Millionen Dollar den Besitzer.

     

     

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