Die Entgleisung

11. Februar 2009, 19:36
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Kein anderer Manager in Deutschland ist so unbeliebt wie Mehdorn - Von Birgit Baumann

Manchmal kann einem Hartmut Mehdorn fast leidtun. Verspätete Züge, dreckige Toiletten, ungenießbare Würstel im Speisewagen - jede Unannehmlichkeit wird dem Chef der Deutschen Bahn persönlich angekreidet. Kein anderer Manager in Deutschland ist so unbeliebt wie Mehdorn, der seit fast zehn Jahren die Bahn führt.

Doch nun, da immer mehr Mitarbeiter-Bespitzelung bekannt wird, ist Erbarmen so fehl am Platz wie die Dampflok auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke. Die Zustände bei der Deutsche Bahn sind ein Graus. Nicht bei konkretem Verdacht auf Korruption schlugen die Schnüffler zu, sondern gleich fünfmal präventiv bei 220.000 Mitarbeitern. Datenschutz-Experten raufen sich die Haare ob des krassen Missverhältnisses zwischen Anlass und Methode.

Und Mehdorn steckt in einer äußerst ungemütlichen Zwickmühle. Wenn er von den Vorgängen gewusst oder sie gar angeordnet hat, hängt er mit drinnen. Ist er tatsächlich so ahnungslos, wie er tut, dann muss er sich vorwerfen lassen, seinen Laden nicht im Griff zu haben.

Unrühmlich ist aber auch das Schauspiel der Regierung. Sie vermittelt den Eindruck, Mehdorn auf jeden Fall halten zu wollen: die SPD, weil sie den Job keinem anderen zutraut, die Union, weil sie hofft, nach der Wahl im Herbst mit der FDP einen Manager aus ihrem Stall einsetzen zu können - jetzt hätte ja die SPD das Vorschlagsrecht. Bei dieser Affäre aber muss Aufklärung Priorität haben. Taktieren schadet nicht nur der Bahn, sondern auch der Politik. (Birgit Baumann, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.02.2009)

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