"Frau Poldi" und die Lehren aus dem Bürgerkrieg

11. Februar 2009, 19:15
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75 Jahre Februarkämpfe: Appelle der Politik, "das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen"

Linz/Wien - "Ein gesellschaftspolitisches Modell kann nur eine Demokratie sein." Diese Meinung der 88-jährigen Leopoldine Feichtinger ist heute nicht mehr ungewöhnlich. Sie gelangte aber bereits mit 13 Jahren zu dieser Überzeugung, als sie die schrittweise Auflösung der Demokratie und den Bürgerkrieg in Österreich miterlebte.

Als am Morgen des 12. Februar 1934 in Linz der letzte Aufstand der Sozialdemokraten und ihrer Parteimiliz, des Republikanischen Schutzbundes, gegen die seit März 1933 autoritär regierenden Christlichsozialen unter Engelbert Dollfuß und die Heimwehr begann, war das Mädchen Poldi gerade auf dem Weg zu einem Kolonialwarenhändler. Es fielen erste Schüsse, während die Heimwehr ins Parteiheim der Sozialdemokraten, das "Hotel Schiff" in der Landstraße 36, eindringen wollte. Es folgten drei weitere Tage mit Straßenkämpfen, die sich auf ganz Österreich ausbreiteten, 300 Menschen starben und mehr als 1000 wurden verletzt.

Zum 75. Jahrestag des Bürgerkrieges wird Poldi, wie Feichtinger immer noch genannt wird, als Ehrengast die Gedenkfeier im ehemaligen Hotel Schiff, der heutigen SPÖ-Landesparteizentrale, besuchen. Bis zum 26. Februar wird dort im Innenhof die Videoinstallation "Hotel Historia" über das Scheitern der Februarkämpfe von Chris Müller gezeigt.

Gerade vor dem Hintergrund der aktuell stattfindenden globalen Wirtschaftskrise sei aus den Ereignissen der 1930er-Jahre zu lernen, meint Oberösterreichs SP-Landesparteichef Erich Haider. "Auch heute befinden wir uns in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit, in der viele Menschen um ihre Arbeitsplätze bangen." Umso wichtiger sei soziale Gerechtigkeit und solidarischer Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, sagt Haider.

Gemeinsamer Appell

SPÖ und ÖVP Oberösterreich appellierten anlässlich des Jahrestages, "das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen und aus der Vergangenheit zu lernen". Heute, Donnerstag, findet im Linzer Gemeinderat eine Sondersitzung zum 75. Jahrestag statt. Das Thema ist aber nicht nur für die Politik interessant. Auch Linz09 beschäftigt sich in sieben Diskussionsveranstaltungen mit der Frage, welche Lehren gezogen werden können und wie mit dem Thema Bürgerkrieg in Österreich und anderen betroffenen europäischen Ländern umgegangen wird.

Bundespräsident Heinz Fischer hat bereits am Mittwoch der Opfer des Aufstandes gegen das Dollfuß-Regime gedacht. An den Gräbern der Opfer am Wiener Zentralfriedhof wurden Kränze niedergelegt. Fischer verwies auf Österreichs weiten Weg zur Demokratie, die zwar "nicht frei von Fehlern", aber "im Prinzip unbestritten" sei. Trotzdem bleibe die Lehre aus der Zeitgeschichte, dass es "leichter ist, Konflikte anzufachen, als politische Gräben zuzuschütten", meinte Fischer weiter.

Bundeskanzler Werner Faymann wird Donnerstagabend auf Einladung des Bundes Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer im Innenhof des Wiener Rabenhofes die Gedenkrede zum 12. Februar 1934 halten.(Kerstin Scheller/STANDARD,Printausgabe, 13.2.2009)

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