Christoph Chorherr

Wozu eigentlich Parteien?

11. Februar 2009 19:02
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    Grüner "Kampf- poster": Will der nur spielen? Oder mehr Demokratie?

Demokratiepolitische Lehren aus dem Konflikt um Voggenhubers EU-Kandidatur im Lichte der neuen elektronischen Medien und ihrer Partizipationschancen

Die Sache ist entschieden. Johannes Voggenhuber wird fürs künftige Europaparlament nicht zur Wahl stehen. Zeit für einen Blick nach vorn - und einen Diskurswechsel: Der Ursprung der Empörung der letzten Wochen lag ja weder im Austausch verbaler Zärtlichkeiten à la "Silberrücken" noch in einem - herbeigeredeten - Geschlechterkampf, sondern in der Entscheidung eines Parteigremiums, der Wählerschaft nicht zu erlauben, einen Kandidaten zu wählen. Noch dazu mit der demokratiepolitisch entlarvenden Begründung, sonst würde die "Parteiliste" umgedreht werden.

Die politische Kernfrage hinter dem Konflikt, die nicht nur die Grünen betrifft, sondern im Grunde die Zukunft des ganzen Parteiensystems, lautet also: Wer soll in unserer Demokratie das letzte Wort haben, wer ist "die Basis" - die Wählerschaft oder ein Parteigremium? Oder zugespitzt: Wozu brauchen wir eigentlich Parteien?

In diesen finde, stellvertretend für die Gesellschaft, der politische Diskurs statt, so lehrt die Politikwissenschaft. Aufwachen! Jammern nicht alle Beteiligten seit vielen Jahren, dass es immer schwieriger werde, junge Menschen für "die Parteiarbeit" zu interessieren?

Schauen wir genau hin: Wo war der "öffentliche" Raum, in dem die Causa Voggenhuber diskutiert wurde. Das Internet bietet plötzlich die Möglichkeit, direkt via Mail an Politiker zu schreiben, und Blogs bzw. Foren und andere Plattformen wie Facebook eröffnen die Chance, seine Meinung nicht nur im Bekanntenkreis, sondern öffentlich mitzuteilen.

Brauchen wir da wirklich Parteien - in ihrer derzeitigen Verfasstheit - als Filter zwischen Wählerschaft und Mandataren? Warum müssen wir die Entscheidung über Personen irgendeinem Gremium überlassen? Könnte es nicht ganz anders und bei Wahlen der Zukunft ganz einfach so sein: Die Parteien entscheiden, wer prinzipiell auf ihre Liste darf, und erstellen eine vorläufige Reihung. Zugleich werden jedoch - siehe USA - interessierte Sympathisanten "eingeladen", in Vorwahlen diese Liste zu konkretisieren. Die letztgültige Auswahl treffen die Wähler/innen mittels Vorzugsstimmen.

Im Wahlkampf kommt dann einmal mehr das Internet ins Spiel, das eine hervorragende Infrastruktur für eine vielfältige, offene Demokratie bietet: Kandidaten stellen sich Hearings (wahltotal.at zeigt dafür Ansatzpunkte), nutzen Blogs, um ihr Programm zu präsentieren; heftige Debatten über die Gründe für Zustimmung und Ablehnung kommen in Gang ... Meine Zukunft als Mandatar entscheidet dann nicht eine Handvoll (oder bei uns Grünen ein paar hundert) Funktionäre, sondern ein paar zehntausend Wähler/innen - zum Vorteil des Parlamentarismus:

Abweichungen von der Parteilinie werden derzeit einfach sanktioniert. Als der SP-Abgeordnete Posch vor einigen Jahren dem schwarz-blauen Fremdenpaket als Einziger seiner Fraktion die Zustimmung verweigerte, folgte die Strafe auf dem Fuß: Er wurde "von der Partei" nicht mehr aufgestellt. Die anderen Abgeordneten haben die Lektion verstanden. Im äußersten Fall darf man sich jetzt bei Abstimmungen "krank melden". - Was ist das für eine erbärmliche Demokratie? Und was wäre das im skizzierten Alternativfall für ein prächtiges Chaos: Man wüsste dann oft vor einer Abstimmung nicht, wie sie ausgehen wird. In den Parlamentssitzungen ginge es um echte Entscheidungen statt um rituelle Schaukämpfe, deren Ergebnis längst ausverhandelt ist. Der Klubzwang wäre Geschichte.

Aber, höre ich von Skeptikern, dann würden doch potenzielle Abgeordnete gegeneinander Wahlkampf machen? Gegenfrage: Warum nicht? Haben uns nicht jüngst die US-Amerikaner vorgeführt, wie "schlimm" es ist, wenn Kandidaten derselben Partei - öffentlich! - gegeneinander antreten: Clinton gegen Obama, war das nicht ein Lehrstück der Demokratie, mit Begeisterung und Niveau?

"Basisdemokratisch" lautet ein Grundwert der Grünen. Definieren wir ihn doch so: Die Wähler, nicht Gremien sollen das letzte Wort haben. "Aber wozu brauchen wir dann noch eine Partei?", fragte mich jüngst empört ein Parteifreund. Ja, wozu eigentlich wirklich? (Christoph Chorherr, DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2009)

Zur Person: Christoph Chorherr ist Landtagsabgeordneter der Grünen in Wien (Sein Blog: http://chorherr.twoday.net/)

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teh win
14.02.2009 16:54
ich wär generell für eine wahl von persönlichkeiten

wenn sich jemand zur wahl stellen will muss er eine gewisse anzahl an unterschriften sammeln und ein sachgebiet (die ministerien) wählen. und all diese namen (können meiner meinung nach ruhig ein paar 1000 sein) kommen auf die wahlzettel... und man darf für jedes sachgebiet einen ankreuzen...

die ersten 183 kommen ins parlament und die 1. in den einzelnen kategorien bekommen das ministerium.

es gibt dann sicher noch mehr dinge die man vorher beachten und besprechen sollte (öffentlich), aber prinzipiell kann ich mir das so vorstellen.

Wolfgang Stadik
23.02.2009 16:04
Wozu politikerInnen ohne parteien?

Für die, die es interessiert, es gibt auch andere Meinungen im Gemeinderatsclub:
http://sabinegretner.twoday.net/stories/5536052/

Gorilla Quondam Gorillaque Futurus
14.02.2009 21:56
du kannst zwischen diesen persönlichkeiten

allerlei mehr oder weniger geheime absprachen nicht verhindern, die zur de facto bildung von parteien führen.

nach den ersten abstimmungen zerfällt das parlament garantiert in einigermassen stabile blöcke.

grosser nachteil ist dass wenn du in den gesetzen, geschäftsordnung usw. keine parteien vorsiehrt, diese vereinigungen und netzwerken jenseits jeglicher kontrolle operieren.

am ende ist das ärger als ein offiziell anerkanntes system von parteien und fraktionen.

kaum eine sehnsucht führt verlässlicher ins desaster wie jene nach dem "unpolitischen". wir brauchen MEHR politik, nicht weniger.

Gorilla Quondam Gorillaque Futurus
13.02.2009 13:07
parteien wegdefinieren...

haben das nicht etliche volksdemokratien schon praktisch getestet?

parteien sind als sozialer ordnungsmechanismus ein unvermeidbares phänomen in allerlei menschlichen organisationen.

wenn man sie fomell definiert und anerkennt, kann man die ärgsten exzesse ein bissl regeln.

wenn man ihre existenz leugnet, dann feiern informelle netzwerke fröhlichen urständ. sprich faustrecht der alphamännchen und flächendeckende korruption. so ist das bisher in jedem "parteilosen" staat gekommen.

skip it
13.02.2009 10:44
wozu parteien?...

...primaer, um demokratischen HIRNEN einen freiraum zum repulikanischen VORDENKEN zu bieten.

der denkverfall ist in saemtlichen demokratischen parteien mit freiem auge zu beobachten, und der buerger beobachtet den verfall und dessen auswirkungen genau.

dieses 'denk-vakuum' wird hierzulande hoechst effizient von der gossenpresse mit kuerzestsichtiger polemik gefuellt, und "die politik" dadurch zur getriebenen masse, statt zur treibenden kraft.

und obama gewann, weil er vordachte und die amis seinen gedanken durchaus folgen konnten: YES, WE CAN!

ps als beobachter: in diesem licht betrachte man einmal glawischnig und lunacek, einerseits, und vdb/voggenhuber auf der anderen.

Lernens Geschichte!
13.02.2009 13:02
Zustimmung!

. . und ein zu lösendes Problem:

Denker sind meist starke Persönlichkeiten und Individualisten. Wieviele davon haben in einer Partei (von der Größe der Grünen) Platz, ohne daß es zu Machtkämpfen und Spaltungen kommt?
Dazu Daniela Kittner über die grüne Führung, die den Denker und Individualisten Voggenhuber rausgemobbt hat:
http://www.kurier.at/multimedi... 294318.php

Obama konnte so reüssieren, weil der Vorwahlkampf schon als innerparteilicher Kampf definiert war.

Dieses Problem ist vielleicht ein grundlegendes für alle Parteien: wie können Denker und Indivualisten, die ja auch zuweilen dazu neigen, zuviel Macht an sich zu reißen, mit Parteistrukturen in Einklang gebracht werden?

EUphoriker
13.02.2009 10:59
das ist ein ganz wesentlicher punkt

"wird hierzulande hoechst effizient von der gossenpresse mit kuerzestsichtiger polemik gefuellt"

während bestimmte medien politikern alle wortmeldungen ihrer karriere gerne immer wieder auftischen, können die dichands u.ä. heute dies und morgen das schreiben und es fällt niemandem auf.

gerade die fehlende mediale kontrolle der medien ermöglicht aber diese polemik, die wenn man sie hinterfragt alles andere als konsistent ist.

Ed L. Bitter
13.02.2009 09:43
WORK IN PROGRESS!


Die Grüne haben bereits damit angefangen, die eigene Partei durch verjagen der Wählerbasis abzuschaffen. Das Projekt ist bisher sehr erfolgreich verlaufen. Es ist damit zu rechnen dass sie bis Sommer zu einer unbedeutenden Randgruppe schrumpfen. Ob andere Parteien dem Beispiel der Grünen folgen sei allerdings dahingesagt.



EUphoriker
13.02.2009 09:48
Die Basis sollte sich nicht selbst abschaffen

daher wäre eine stärkung gerade der grünen in Salzb. und Kärnten äusserst sinnvoll.

g_ system
12.02.2009 22:29
Danke!!

Hoffentlich hören das die Parteispitzen des Landes.

UND: Schluss mit dem Klubzwang!!!

Enduser
12.02.2009 18:23
Volle Zustimmung

S.g. Hr. Chorherr,

sie treffen es wieder einmal auf den Punkt.
Die neuen Medien bieten unzählige Möglichkeiten für mehr direkte Demokratie. Man(n) und Frau dürfen sich nur nicht vor zu viel Rückmeldung fürchten, sondern sollten diese aktiver nutzen. Der Erfolg wird ihnen sicher sein.

und im clubzwang, sehe ich den hauptgrund für die politkverdrossenheit, da niemand die absprachen im hintergrund versteht bzw. nachvollziehen kann

teh win
14.02.2009 16:44
"absprachen im hintergrund"

exakt.

wird zeit dass alles aber auch wirklich alles eingesehen werden kann. peter pilz hat da ja schon gute arbeit geleistet...

die politiker arbeiten für uns. und wir müssen das kontrollieren dürfen!

vi-de dot com
 
12.02.2009 17:26
diese Revolution im Kleinen ....

... ist schon versucht worden .. sei es von dem VVVD.de in Deutschland oder der vi-de.com in Österreich.

Diese alternativen Parteiideen scheitern daran, dass es die meisten Menschen am Ende doch nicht wirklich interessiert mitzureden sondern doch nur jammern wollen ...

Es verhält sich auch diesemal nicht deutlich anders ... nur ist dieses Raunen derart laut, dass es kaum mehr zu überhören ist ... gerade die konstruktiven Untertöne sind diesesmal lauter als das reine Gejammer ...

Ist das eine demokratische Entwicklung oder nur Zufall?

saxolady
 
13.02.2009 16:40
klug, sehr klug sogar

ich hab mich nur grad zulang auf den foren rumgetrieben. muß sagen, daß obligate raunzen ist lauter.

ich glaube ja, daß der mensch an sich ja ein intelligentes wesen ist. in massen ist es aber sehr von vorteil, sie durch strukturen zu bündeln.
eine masse von menschen ist immer "kritisch"

David Mungo
12.02.2009 16:49
Wenn das die neue grüne Linie wird,

dann haben sie meine Stimme.

Aber es wird nicht die neue grüne Linie. Mit Sicherheit nicht.

Seminole Eagle Chief
12.02.2009 16:51

... und daher wählen Sie wen?

David Mungo
12.02.2009 16:56

ungültig

Brel
12.02.2009 16:15

Also nur weil die Grünen zu einer funktionärsautoritären Partei geworden sind, müssen wir nicht gleich das Wahlsystem wechseln. Das ist ein Problem der Grünen und nicht des gesamten Systems.
Netter Versuch, Herr Chorherr

fritzobel
12.02.2009 17:06
Wieso Wahlsystem?

Wo steht, dass das Wahlsystem geändert werden soll??

13.02.2009 21:52

Sehr richtig
chorherr spricht von grüninternen reformen.
keine wahlrechtsänderung notwendig.
http://gruenekonter.blogspot.com/

Gorilla Quondam Gorillaque Futurus
12.02.2009 15:36
also systemwechsel verlange ich nun mal keine.

aber von meiner parteiführung hätte ich gern kompetenteres agieren.

die liste ist soweit ich weiss nicht endgültig fixiert und da kann voggenhuber noch auf den letzten platz.

sonst wähle ich nicht grün. weil wenn man mit allen andern mitteln ein knappe minderheit in der partei keinerlei gehör findet, bleibt nur dieser "externe" weg die kritik anzubringen.

The Dude
12.02.2009 15:23

Chorherr übersieht, dass auch jetzt schon der Wähler das letzte Wort hat - ausser der Kandidat begeht schon vorher (wie Voggenhuber) Harakiri mit Anlauf.

Die Kandidaten der Parteien übers Internet zu küren stelle ich mir lustig vor. Fürs BZÖ werde ich auf jeden Fall Westi, Petzner und das Krokodil vom Kasperl pushen. Damit Politik endlich wieder Spaß macht.

Enrico Furioso
12.02.2009 16:57
"Die Kandidaten der Parteien übers Internet zu küren stelle ich mir lustig vor."

Man male sich folgendes Bild aus: bekanntlich reitet Peter Pilz schon seit längerem harte Attacken gegen Fekter & Konsorten.

Nun kommen wir in Vorwahlkampfzeiten, die Grünen stellen Listen ins Internet, da soll nun der zukünftige Wähler entscheiden, wer es auf die Wahlliste schafft. In der Junge VP ist man ob der Pilzschen Attacken gegen Fekter und andere VP-Machenschaften erzürnt. Und es ergeht an die wackeren Jungmannen der Ruf, sich doch rege an der Kandidatenkür zu beteiligen und den Giftpilz quasi rauszuwählen.

Dass so was geht, weiß man aus anderen Ländern, siehe den Fall der Demokratin Cynthia Ann McKinney bei den Primarys der Demokraten 2002 in Georgia. Da haben Reps die ihnen nicht genehme Politikerin aus dem Rennen geworfen.

13.02.2009 21:56

Enrico verstehst du nicht deutsch.
Chorherr sagt nix vom Internet-voting.
Null-komma-nix.
http://gruenekonter.blogspot.com/

LadyDoolittle
12.02.2009 19:56
So ist das nach meiner Meinung nicht gemeint

sondern in der Art der direkten Demokratie in der Schweiz.

Vorschlag, sicher verbesserungswürdig:

Jeder hat eine Stimme, im Internet oder im Wahllokal. Die Internetwähler bekommen eine Wahlkartei mit einem Code per Post zugesandt.

Die Kanditaten präsentieren sich und ihre Meinungen, Ideen, die angestrebte Richtung im Internet, wer den Ausdruck will, geht zum Gemeindeamt (oder eine andere Stelle).
Es gibt Fixpunkte, zu denen Stellung bezogen werden muss. Jeder Mandatar entscheidet nach seinem Gewissen, es gibt keinen Clubzwang.
Die Parteien werden in den Hintergrund gedrängt. Die sinnlosen Botschaften auf Werbeplakate entfällt. Was entscheidet, ist der freie Wille des Wählers.

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