"Wichtig, dass Amerika Druck ausübt"

11. Februar 2009, 18:47
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Schlimm, aber nicht so schlimm wie erwartet: Der israelische Autor Assaf Gavron über die .erstarkte Rechte, die schwache Linke und lächerliche Figuren in der Politik.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Wahlergebnis?

Gavron: Es ist enttäuschend, ich habe aber Schlimmeres erwartet. Jeder dachte, Benjamin Netanyahu würde die Wahlen locker gewinnen. Im Grunde sind wir heute genauso klug wie gestern: Wir wissen nach wie vor nicht, wer eine Regierung bilden kann.

STANDARD: Warum haben so viele Menschen den Rechtsextremisten Avidgor Lieberman gewählt?

Gavron: Ich denke, der Krieg im Gazastreifen hat Lieberman geholfen. Während des Krieges ist viel Hass an die Oberfläche gekommen, weil die Menschen denken, sie dürfen diese Emotionen zu Kriegszeiten herauslassen. Die hässliche Seite der israelischen Gesellschaft hat sich da gezeigt. Jemand wie Lieberman, der eine sehr vereinfachende, antiarabische Botschaft hat, konnte darauf aufbauen. Weil jeder Angst vor ihm hat, möchte ich aber sagen, dass Lieberman schon vor den Wahlen Politik machte. Er hat Israel nicht nachhaltig verändert. Er wird auch weiterhin keine Gesetze machen können, die vorsehen, Araber aus dem Land zu werfen.

STANDARD: Warum ist die Linke dermaßen abgestürzt?

Gavron: Es sieht so aus, als seien die meisten Links-Wähler zur Kadima gewechselt. Die Arbeiterpartei hat vom Krieg nicht profitiert. Und für Meretz (stärkste Kraft links der Arbeitspartei, Anm.) ist das Ergebnis eine Katastrophe. Sie hat in ihrer Kampagne mehrere schwere Fehler gemacht: So hat Meretz den Krieg in den Augen ihrer Anhänger nicht stark genug kritisiert. Die wirkliche Schande ist nun jedenfalls, dass es in Israel keine starke linksliberale Partei gibt.

STANDARD: Gibt es noch Chancen auf eine Annäherung an die Palästinenser? Netanyahu oder Lieberman werden ja regieren, und beide lehnen Zugeständnisse ab.

Gavron: Es war schon vor den Wahlen klar, dass es mit den Palästinensern keinen Fortschritt geben würde. Wenn wir noch etwas Hoffnung haben, dann wegen des Machtwechsels in Washington. George Bush war eine Katastrophe, besonders für den Nahen Osten, weil er alles, was Israel gemacht hat, unterstützt hat. Ich hoffe Barack Obama ist anders: Gerade wenn der Rechtsblock regieren wird, ist es wichtig, dass Amerika Druck ausübt.

STANDARD: Bieten die Wahlen eigentlich Stoff für ein neues Buch?

Gavron: Israel ist ein fantastisches Land, um Geschichten zu schreiben, es gibt hier großartiges Material für große Tragödien - aber auch für große Komödien: In der israelischen Politik laufen einige lächerliche Figuren herum. Mein Liebling ist Shaul Mofaz, die Nummer zwei in der Kadima hinter Livni. Er ist so schlecht und so dumm, dass es schon wieder lustig ist. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2009)

Zur Person: Der in Jerusalem aufgewachsene Assaf Gavron ist Autor und Sänger. Zuletzt von ihm erschienen ist „Ein schönes Attentat", eine Geschichte, erzählt aus der Perspektive eines palästinensischen Attentäters und eines Israelis. 2009 erscheint die deutsche Ausgabe von Gavrons „Hydromania", einem Roman über Wasserkriege in Nahost.

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