Slowenska Bistrica - Ptuj

12. Februar 2009, 17:43
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Der Zauber des Reisens sind, ja, Landschaften, Kirchen, Museen, Schlösser, vor allem aber sind es die Menschen

Obwohl ich seit über zwanzig Jahren die ganze Welt bereise, mit meiner Theatergruppe an Theatern und Festivals in ganz Europa, in Asien, Afrika, Nord- und Südamerika gastiere und zahllose auch entlegene Länder wie Kasachstan, Kirgistan, Iran, Pakistan, Equador oder Zimbabwe durch Gastspielreisen kennen- und liebengelernt habe, staune ich jedes Mal, wenn sich vor mir eine neue Stadt öffnet, eine neue Welt, die, mir bis dato vollkommen unbekannt, plötzlich und unerwartet ihren Zauber enthüllt.

Altstadt und Schloss Slowenska Bistrica

Ich war, nach mehreren Marschtagen über vereiste Felder, spiegelnde Landstraßen und vergessene Dörfer zuerst in eine der ältesten Städte Sloweniens, Slovenska Bistrica gekommen, wo mir der freundliche Wärter das prächtige Schloss mit all' seinen Sammlungen trotz vorgerückter Stunde noch einmal aufsperrte und mich in bestem Deutsch durch alle Sammlungen führte, mir die aktuellsten Funde und Ergebnisse der regionalen Bernsteinstraßenforschung präsentierte und zu guter letzt nicht nur 'vergaß', das Eintrittsgeld zu kassieren, sondern mir vielmehr noch ein Zimmer organisierte und ein Lokal für das Abendessen empfahl.

Der Zauber des Reisens sind, ja, Landschaften, Kirchen, Museen, Schlösser, vor allem aber sind es die Menschen. Vielleicht sollte ich erst wieder in das so gepflegte Westeuropa zurückkehren, wenn ich annehmen kann, der Museumswärter des Kunsthauses Zürich einem müden, verspäteten slowenischen Wanderer das Museum trotz Feierabend noch einmal aufsperrt und ihm liebevoll und in aller Ruhe die Sammlungen erläutert?

Annäherung an Ptuj

Dann, nach ein paar weiteren Tagen Winterwanderung in Richtung Osten, Ptuj. Ich hatte mich der Stadt mit guten Karten auf winzigen Nebenstraßen genähert, als ich kurz vor Sonnenuntergang einen Mann nach dem Weg fragte - zur Bestätigung nur. Er schickte mich hinunter auf die Hauptstraße, und dort stand das Schild: PTUJ, nach rechts, obwohl ich sicher war, dass die Stadt geradeaus lag. Ich wollte keine Zeit mehr verlieren, die Dunkelheit brach schon herein, und so folgte ich diesem Pfeil. Es konnten nicht mehr als zwei Kilometer sein. Ich lief und lief, es dunkelte, Autos fuhren schnell an mir vorbei, Nebel zog auf. Die Richtung schien mir falsch, ich zweifelte, doch da stand wieder ein Schild: PTUJ. Was tun? Ich ging schneller, um dem Tag wertvolle Minuten des letzten Lichts abzutrotzen. Plötzlich ein Schild: Belgrad, geradeaus, und Ptuj nach links. Ich hatte keine Ahnung mehr wo ich war, seit fast einer Stunde lief ich jetzt und lief und versuchte vergeblich, mich anhand der Karte, der Richtung und der Landmarken zu orientieren. Nichts stimmte überein. Schließlich schaltete ich das Not-GPS zu - und stand augenscheinlich in der Öde, fast fünf Kilometer von Ptuj entfernt. Es blieb mir nichts anderes übrig, als weiter in die Dunkelheit hinein auf die aus dem Nebel auftauchende Scheinwerfer zuzulaufen. Eine große, weiße, neue Hängebrücke führte mich schließlich über die Drawa und in die Stadt, viel zu spät, erschöpft und ratlos. Es stellte sich dann rasch heraus, dass die große Umfahrungsstraße, auf die ich geraten war, neuer war als meine Karten. Für einen Autofahrer machen neun Kilometer mehr nichts aus, vor allem, wenn er dafür schneller fahren kann - zu Fuß bedeuten sie aber fast zwei Stunden.
Erschöpft fiel ich ins Bett, doch da mein Missmut schnell von der bezaubernden Stadt, dem guten Abendessen und dem schönen Hotel mit seinen blendend weißen Laken gedämpft worden war, schlief ich bald selig ein.


In der Burg von Ptuj.

Poetovio - Ptuj, älteste Stadt Sloweniens

Seit tausenden von Jahren haben an diesem magischen Ort an der Drawa Reisende der Bernsteinstraße Halt gemacht. Römische Legionen schärften hier ihre Schwerter und Lanzen, und schließlich fand die slawische Seele hier ihren Ort. Einst war Ptuj unter den wichtigsten Städten in Zentraleuropa - heute bezaubern der mittelalterliche Stadtkern mit seinen Häusern und Kirchen, die mächtig Burg und das Dominikanermuseum den Reisenden. Der richtige Ort für eine Pause, Kraft zu schöpfen für die Weiterreise über die Weinberge Jeruzalems nach Ungarn, hinaus aus dem inzwischen vertrauten Slowenien, wieder in eine neue, unbekannte Welt. (Markus Zohner)

  • Ptuj - der richtige Ort für eine Pause, Kraft zu schöpfen für die Weiterreise.
    foto: markus zohner

    Ptuj - der richtige Ort für eine Pause, Kraft zu schöpfen für die Weiterreise.

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    foto: markus zohner
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