Ein Mühlviertler am Wiener Parkett

11. Februar 2009, 18:11
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Kritisch beäugt statt hochgejubelt: Minister Stöger eckt in der ÖVP wie in der SPÖ an

Wien - Konzept ausgearbeitet, Liquidität gesichert, Fonds vereinbart: Mit dem zwischen Rot und Schwarz akkordierten Sanierungspaket für die maroden Krankenkassen könnte Gesundheitsminister Alois Stöger als neuer Erfolgsmann der Regierung gefeiert werden. Wird er aber nicht.

Sowohl auf SPÖ- wie auf ÖVP-Seite ist man derzeit bemüht, darauf hinzuweisen, dass nicht Stöger, sondern Kanzler Werner Faymann mit seinem Vize, Finanzminister Josef Pröll, die Reformpläne ausgearbeitet habe.

In schwarzen Kreisen wird zudem gern betont, dass der 48-Jährige Stöger, zuvor Obmann der Gebietskrankenkasse Oberösterreich, übrigens Vorzeigebeispiel unter den Sozialversicherungsträgern, „farblos und sicher kein neuer Erwin Buchinger" sei. Hintergrund: Stögers Vorgänger konnte, zum Ärger der Bürgerlichen, trotz schleppender Reformen stets hohe Beliebtheitswerte vorweisen.

Unter den Sozialdemokraten erzählt man sich wiederum, der Oberösterreicher sei dem Kanzler „nicht ganz geheuer". So verüble es Faymann dem neuen Minister etwa, dass aus seinem Kabinett ein Papier, das ursprünglich eine kräftigere Finanzspritze für die Kassen vorsah, noch vor der Regierungsklausur in Osttirol in die Medien gelangte - von dem Papier ist praktisch kaum etwas übriggeblieben.

Dreißig Minuten Bedenkzeit

Stöger, der wegen seiner direkten Art in seiner Herkunftsregion, dem Mühlviertel, wohl als „Grader Michl" gilt, war auch nicht Faymanns Erfindung. Der Wiener, der vor allem für seine Geschmeidigkeit im Umgang mit Mitmenschen bekannt ist, holte Stöger auf dringende Empfehlung von dessen Landeschef Erich Haider in die Regierung. Nur dreißig Minuten Bedenkzeit gestattete Faymann dem Metall-Gewerkschafter, der einst seine Lehre als Werkzeugschlosser in der Voest absolviert hat, für seinen Wechsel von Linz nach Wien.

Bis jetzt blieb Stöger, privat eher draußen beim Joggen und Bergsteigen anzutreffen, aufgrund des Einarbeitungsaufwandes in seinem neuen Amt kaum Zeit, sich mit dem oft rutschigen Parkett in der Bundeshauptstadt vertraut zu machen. Immerhin attestieren ihm die Schwarzen, in den Verhandlungen „erfreulicherweise noch keine klassenkämpferischen Töne angeschlagen" zu haben.
Leicht werden es Stöger sowohl sein eigener Chef als auch der ÖVP-Obmann bei der Gesundheitsreform nicht machen. Faymann wie Pröll betonen nämlich seit einigen Tagen auffällig häufig, dass sich nun allein der Gesundheitsminister auf die Suche nach Einsparungspotenzialen machen müsse. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 12.2.2009)

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