Lampedusas Bevölkerung kämpft gegen Internierungslager

11. Februar 2009, 18:15
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Auf Lampedusa eint Bangen und Hoffen Bewohner und Flüchtlinge - beide Seiten wollen kein Alcatraz - Beide sehen sich als Opfer populistischer Politik Italiens

Die Bewohner von Lampedusa proben den Aufstand gegen Rom. Sie wehren sich gegen ein
zweites Internierungslager, das ihre Insel in „Alcatraz" verwandeln würde, wie sie befürchten - Von Gerhard Mumelter aus Lampedusa

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Wilder Fenchel wuchert auf dem früheren Tennisplatz. Aus den Rissen im Schwimmbad ragen Disteln. Der Hubschrauber-Landeplatz gleicht einem Blumenfeld. Windstille Tage gehören auf der Punta Ponente zur Rarität. Bei klarem Wetter kann man vom felsigen Rücken die Silhouette der Insel Linosa erkennen. Dass die US-Army auf dem höchsten Punkt von Lampedusa einen Radar-Stützpunkt errichtete, hatte mit ihrem damaligen Erzfeind Muammar al-Gaddafi zu tun, dessen Raketen die italienische Insel nur knapp verfehlten.
15 Jahre nach dem Abzug der US-Marines bevölkern erneut bewaffnete Soldaten die Anhöhe mit dem unvergleichlichen Meerblick. Stacheldraht schützt die Gebäude, misstrauische Carabinieri verwehren die Zufahrt. Was auf der Anhöhe im rauen Inselwesten geschieht, bringt die Gemüter der friedlichen Bewohner in Wallung.

Schuld daran trägt ein Mann, den die Insulaner als „Sklaven Gaddafis" verunglimpfen: Italiens Innenminister Roberto Maroni. Der will den ehemaligen Nato-Horchposten in ein Internierungslager für illegale Einwanderer verwandeln.


„Eine völlig perverse Idee", erregt sich Bürgermeister Bernardino De Rubeis, der am Mittwoch im fernen Brüssel gegen diese Pläne mobil machte. „Ein Lager genügt uns", wettert De Rubeis. „Wir wollen kein Alcatraz werden. Wir sind eine Urlaubsinsel und wollen es bleiben."
Danach sieht es auf Lampedusa freilich nicht aus. 1200 Soldaten und Carabinieri drängen sich auf dem felsigen Eiland - ein Polizist auf drei Einwohner. Kolonnen von Militärjeeps rollen durch den kleinen Hauptort. Seit der Innenminister unter dem Druck seiner Lega-Wähler die Verlegung von Immi_granten aufs Festland untersagt hat, ist es mit dem Inselfrieden vorbei.

Urlaub bei den Flüchtlingen

In der Aufregung blieben die weihnachtlichen Lichterketten in der Via Roma hängen. „Buone feste" wünscht noch immer die Leuchtschrift auf dem Rathaus, dessen Fassade mit Transparenten verhängt ist. Die informieren über das „Urlaubsangebot 2009": „Zimmer mit Meerblick, Bootsausflug mit Sichtung von Flüchtlingen, Führung durch das Lager, abends ein Bier mit afrikanischen Freunden - und ein Polizist für jede Frau." Ein Wald von Plakaten ziert den Platz vor dem Rathaus, wo der hünenhafte Bürgermeister und seine Mitstreiter fast täglich ihre Brandreden halten.

„Die Lage ist sehr gespannt"

Seit Maronis Verfügung ist das Aufnahmelager permanent überfüllt. Elf Immigranten haben am Wochenende Selbstmordversuche verübt - Verzweiflungsgesten gegen die drohende Abschiebung. „Die Lage ist sehr gespannt", bestätigt Barbara Molinario vom UNO-Flüchtlingshilfswerk. Das in einer Senke hinter dem Ort versteckte und großräumig abgeriegelte Lager wird von einer Genossenschaft geführt. „Wir geben unser Bestes", versichert deren Chef Cono Galipò. „Aber wenn sich hier statt der Höchstzahl von 800 gleich 2000 Flüchtlinge drängen, sind Spannungen nur schwer vermeidbar." Der Staat honoriert die Arbeit der Betreiber pro Flüchtling mit 33,50 Euro täglich.

Afrika ist nah

Afrika ist hier nah. Dass der stellvertretende Inselpfarrer aus Tansania kommt, regt niemanden auf. „Die erste Welt", resümiert Don Vincent Mgawala, „wird nie begreifen, wie einem Menschen zumute ist, der seine Heimat aus Verzweiflung verlässt." Auf Lampedusa eint Bangen und Hoffen Bewohner und Flüchtlinge - beide Seiten wollen kein Alcatraz, beide blicken einer ungewissen Zukunft entgegen, beide sehen sich als Opfer populistischer Politik, die ihren Wählern „Nulltoleranz" vorgaukelt.


Die täglichen Fernsehbilder erschöpfter Bootsflüchtlinge legen die Forderung nahe, dass das Schlupfloch in der Festung Europa endlich gestopft werden muss. Doch in Lampedusa landen nur acht Prozent der rund 330.000 Mi_granten, die jährlich illegal nach Italien einwandern. Das Gros kommt bequem über die slowenische Grenze.


„Hier will man ein Exempel statuieren", klagt der hünenhafte Bürgermeister, der um die Zukunft seines Fremdenverkehrs bangt. „Warum bringen sie die Immigranten nicht nach Padanien?" (DER STANDARD Printausgabe 12.2.2009)

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